Wind um Nichts - http://wind.penzeng.de
Wir Menschen lernen auf zwei
verschiedene Weisen, nämlich:
1.
aus dem, was
andere uns lehren;
2.
aus eigener
Erfahrung.
In alltäglichen
Zusammenhängen bestreitet wohl niemand, dass beide Arten des Lernens wichtig
sind. Innerhalb des christlichen Glaubens gibt es jedoch Vorbehalte gegen das
Lernen aus Erfahrung. Dort heißt es oft, man dürfe sich nicht auf Erfahrungen
(und Gefühle) verlassen, sondern müsse voll und ganz dem Wort Gottes (d.h. der
Bibel) vertrauen. Erfahrungen und Gefühle könnten vom Satan manipuliert oder
aufgrund der Sündhaftigkeit des Menschen verfälscht sein, Gottes Wort dagegen
sei die reine Wahrheit. In verschiedenen evangelikalen Publikationen habe ich
dazu folgende Skizze gefunden:

Das Wort [Gottes] ist hier
also die "Lok", an die sich der Glaube des Menschen anhängen soll.
Wenn ein Mensch nur dem Wort Gottes glaubte, heißt es, würde er auch bald
Erfahrungen machen, die mit dem Wort Gottes übereinstimmen. Wenn ein Mensch
dagegen auf seine Erfahrungen vertraute (nach dem Motto: "Ich glaube nur,
was ich sehe"), so würde er niemals erfahren, wie zuverlässig und
segensreich das Wortes Gottes ist. Also Gottes Wort funktioniert nur, wenn man
daran glaubt. Wenn man nicht daran glaubt, funktioniert es auch nicht.
Diese Behauptung erscheint
auf den ersten Blick schon reichlich seltsam, denn alltägliche Dinge wie Stühle
oder Lichtschalter funktionieren ja einfach so aus sich heraus, egal ob man
dran glaubt oder nicht. Aber nun gut, wir befinden uns hier auf der Ebene des
Glaubens, da gelten halt andere Gesetze, und große Verheißungen locken uns,
also lassen wir unsere Erfahrungen hinter uns und schenken dem Wort Gottes
Glauben.
Gläubigen wird allgemein
empfohlen, lebenslang in dieser Haltung zu bleiben, also den Blick
ausschließlich nach vorn auf das Wort Gottes zu richten und sich nicht nach den
eigenen Erfahrungen umzusehen. Allerdings - ermutigende Erfahrungen, die den
Glauben stärken und das Wort Gottes bestätigen, die sind durchaus gern gesehen,
werden gern gehört und in Form von "Zeugnissen" bekannt gemacht. Nur
die "unpassenden" Erfahrungen, die dem Glauben widersprechen und das
Wort Gottes in Frage stellen, die soll man ignorieren. Auf diese Weise entsteht
der Eindruck, dass Gott absolut zuverlässig ist und seine Gläubigen wunderbar
führt: Jede kleine Erfahrung, die dies bestätigt wird an die große Glocke
gehängt; Erfahrungen, die das Gegenteil suggerieren, werden verschwiegen und
ausgeblendet.
Zieht man nach einigen Jahren
intensiven Christenlebens dann doch einmal nüchtern Bilanz, sieht es in der Regel
eher so aus:

Die Erfahrung ist nicht wie
versprochen auf den Glauben gefolgt, sondern einfach abgekoppelt worden. Der
Zug ist in zwei Teile zerrissen: Auf der einen Seite die Welt des Glaubens, die
auf dem Wort Gottes beruht, auf der anderen Seite die Welt des Alltags, die den
Gesetzen des Glaubens nicht gehorcht und dem Wort Gottes offensichtlich
widerspricht. Und diese beiden Teile haben herzlich wenig miteinander zu tun.
Wenn junge Christen eine
solche Zerrissenheit bemerken, versuchen sie meistens irgendwo bei sich selbst
den Fehler zu finden und zu beheben, um dann einen neuen Anlauf zu starten.
Alte, erfahrene Christen wissen jedoch oft instinktiv, dass dieser Zug immer
wieder reißen wird, darum fahren sie andere Strategien: Entweder kultivieren
sie die Zerrissenheit und sind auch noch stolz darauf (nach dem Motto
"Augen zu und durch"; "Wir leben im Glauben, nicht im
Schauen"), oder sie knüpfen Wort, Glauben und Erfahrung geschickt mit
langen Gummibändern aneinander. So eine flexible, dehnbare Konstruktion reißt
nicht so schnell. Die dritte Möglichkeit wäre, sich ganz vom Wort Gottes
abzukoppeln.