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Wort - Glaube - Erfahrung

Wir Menschen lernen auf zwei verschiedene Weisen, nämlich:

1.      aus dem, was andere uns lehren;

2.      aus eigener Erfahrung.

In alltäglichen Zusammenhängen bestreitet wohl niemand, dass beide Arten des Lernens wichtig sind. Innerhalb des christlichen Glaubens gibt es jedoch Vorbehalte gegen das Lernen aus Erfahrung. Dort heißt es oft, man dürfe sich nicht auf Erfahrungen (und Gefühle) verlassen, sondern müsse voll und ganz dem Wort Gottes (d.h. der Bibel) vertrauen. Erfahrungen und Gefühle könnten vom Satan manipuliert oder aufgrund der Sündhaftigkeit des Menschen verfälscht sein, Gottes Wort dagegen sei die reine Wahrheit. In verschiedenen evangelikalen Publikationen habe ich dazu folgende Skizze gefunden:

Das Wort [Gottes] ist hier also die "Lok", an die sich der Glaube des Menschen anhängen soll. Wenn ein Mensch nur dem Wort Gottes glaubte, heißt es, würde er auch bald Erfahrungen machen, die mit dem Wort Gottes übereinstimmen. Wenn ein Mensch dagegen auf seine Erfahrungen vertraute (nach dem Motto: "Ich glaube nur, was ich sehe"), so würde er niemals erfahren, wie zuverlässig und segensreich das Wortes Gottes ist. Also Gottes Wort funktioniert nur, wenn man daran glaubt. Wenn man nicht daran glaubt, funktioniert es auch nicht.

Diese Behauptung erscheint auf den ersten Blick schon reichlich seltsam, denn alltägliche Dinge wie Stühle oder Lichtschalter funktionieren ja einfach so aus sich heraus, egal ob man dran glaubt oder nicht. Aber nun gut, wir befinden uns hier auf der Ebene des Glaubens, da gelten halt andere Gesetze, und große Verheißungen locken uns, also lassen wir unsere Erfahrungen hinter uns und schenken dem Wort Gottes Glauben.

Gläubigen wird allgemein empfohlen, lebenslang in dieser Haltung zu bleiben, also den Blick ausschließlich nach vorn auf das Wort Gottes zu richten und sich nicht nach den eigenen Erfahrungen umzusehen. Allerdings - ermutigende Erfahrungen, die den Glauben stärken und das Wort Gottes bestätigen, die sind durchaus gern gesehen, werden gern gehört und in Form von "Zeugnissen" bekannt gemacht. Nur die "unpassenden" Erfahrungen, die dem Glauben widersprechen und das Wort Gottes in Frage stellen, die soll man ignorieren. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, dass Gott absolut zuverlässig ist und seine Gläubigen wunderbar führt: Jede kleine Erfahrung, die dies bestätigt wird an die große Glocke gehängt; Erfahrungen, die das Gegenteil suggerieren, werden verschwiegen und ausgeblendet.

Zieht man nach einigen Jahren intensiven Christenlebens dann doch einmal nüchtern Bilanz, sieht es in der Regel eher so aus:

Die Erfahrung ist nicht wie versprochen auf den Glauben gefolgt, sondern einfach abgekoppelt worden. Der Zug ist in zwei Teile zerrissen: Auf der einen Seite die Welt des Glaubens, die auf dem Wort Gottes beruht, auf der anderen Seite die Welt des Alltags, die den Gesetzen des Glaubens nicht gehorcht und dem Wort Gottes offensichtlich widerspricht. Und diese beiden Teile haben herzlich wenig miteinander zu tun.

Wenn junge Christen eine solche Zerrissenheit bemerken, versuchen sie meistens irgendwo bei sich selbst den Fehler zu finden und zu beheben, um dann einen neuen Anlauf zu starten. Alte, erfahrene Christen wissen jedoch oft instinktiv, dass dieser Zug immer wieder reißen wird, darum fahren sie andere Strategien: Entweder kultivieren sie die Zerrissenheit und sind auch noch stolz darauf (nach dem Motto "Augen zu und durch"; "Wir leben im Glauben, nicht im Schauen"), oder sie knüpfen Wort, Glauben und Erfahrung geschickt mit langen Gummibändern aneinander. So eine flexible, dehnbare Konstruktion reißt nicht so schnell. Die dritte Möglichkeit wäre, sich ganz vom Wort Gottes abzukoppeln.

 

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