Wind um Nichts - http://wind.penzeng.de
Eine der Schwierigkeiten beim
Umgang mit Gott ist, dass man oft nicht genau weiß, wofür er im Einzelnen
zuständig ist und wofür nicht. Einerseits gilt Gott als unumschränkter
Herrscher des Universums, dem alles Untertan ist. Den Fürbitten und Zeugnissen der
Gläubigen nach zu urteilen, ist er praktisch für alles zuständig - von den
Abläufen der Natur über die große Weltpolitik bis hin zu der Frage, ob ich
meine Fahrprüfung bestehe. Angeblich beeinflusst Gott auch maßgeblich das
Verhalten von Menschen, nicht nur der Menschen, die ihm treu ergeben sind,
sondern auch das seiner Feinde. Andererseits wird dem Menschen jedoch ein
freier Wille zugesprochen und die Fähigkeit, vieles auch gegen Gottes Willen zu
tun. Und dann ist da noch der Satan mit seinen Dämonen, der angeblich auch
große Macht hat und vieles in der Welt nach seinem Gutdünken beeinflusst. Wie
die Zuständigkeiten von Gott, Menschen und Satan nun genau abgegrenzt ist,
darüber sind sich Christen oft uneins - was der eine für ein Werk Gottes hält,
darin meint der andere ein Werk Satans zu erkennen, und wo der eine sagt, man
müsse als Mensch selbst aktiv werden, meint der andere, man solle lieber
abwarten und die Sache Gott überlassen.
Im Voraus lässt sich oft gar
nicht feststellen, ob eine Sache von Gott, von Menschen oder vom Satan stammt.
Wenn dann aber alles gelaufen ist und die Resultate da sind, dann ist die
Zuordnung klar: Alles, was gut und segensreich gelaufen ist, gilt als Gottes
Werk. Der Rest, der daneben gegangen ist oder Schaden angerichtet hat, gilt als
Menschenwerk oder als Werk Satans. Dadurch wird der gläubige Mensch immer
wieder sehr verunsichert: Er mag Jahre lang in seiner Gemeinde Dienste tun und
überzeugt sein, dass er am Werk Gottes mitwirkt. Sollte sich dann aber
rückblickend einmal herausstellen, dass seine Arbeit sinnlos oder schädlich
war, dann heißt es auf einmal: "Dies war nicht Gottes Werk, sondern
Menschenwerk." Durch diese Zuordnung ist Gott immer fein raus: Er bleibt
stets der Weise, Treue, dem alles gelingt. Selbst wenn Menschen etwas Gutes
zustandegebracht haben, wird dieses Werk Gott zugeschrieben; man sagt dann:
"Gott war es, der durch diese Menschen Gutes gewirkt hat." (auch wenn
diese Menschen gar nicht an Gott glauben und ihm gar nicht ergeben sind.) Wenn
aber irgend etwas daneben geht oder Schaden verursacht, wird die Schuld daran
stets dem Menschen zugeschrieben. Sogar wenn es sich um Naturkatastrophen
handelt, für die kein Mensch etwas kann, wird die Erbsünde des Menschen als
Erklärung herangezogen; man sagt dann: "Im Paradies gab es keine
Naturkatastrophen. Adam und Eva sind aus dem Paradies vertrieben worden, weil
sie gesündigt hatten; darum sind wir jetzt solchen Katastrophen
ausgesetzt." Aber Gott ist gnädig und vergibt uns unsere Schuld.
Mir erscheint diese Einteilung
in "Gottes Werk" und "Menschenwerk" mittlerweile ziemlich
willkürlich und irreführend. Sie wirkt sich in mancherlei Hinsicht schädlich
aus:
·
Wenn Christen vor
einer Entscheidung stehen, sind sie oft verunsichert, weil sie zusätzlich zu
den normalen Unwägbarkeiten klären müssen, ob ihre Entscheidung auch dem Willen
Gottes entspricht. Da Gott sich zu solchen Fragen selten unmissverständlich
äußert, gleicht diese Klärung oft einem Rätselraten.
·
Auch wenn man
gewissenhaft nach dem Willen Gottes fragt, trifft man manchmal
Fehlentscheidungen. Da man niemals Gott für solche Fehlentscheidungen
verantwortlich machen kann, sucht man den Fehler immer wieder bei sich selbst -
man hat Gott wohl missverstanden oder nicht genau genug auf ihn gehört. Da so
etwas immer wieder passiert, wird man zunehmend verunsichert.
·
Weil der
"natürliche Mensch" im Christentum als fehlbar, sündhaft und
verdorben gilt, traut mancher Christ sich kaum noch, selbständig vernünftige
Entscheidungen zu treffen. Er versucht vielmehr, "auf Gott zu hören".
Da Gott aber selten deutlich spricht, öffnet dieser Mensch sich für allerlei
irrationale, willkürliche Einflüsse von außen und innen, die er für
"Gottes Stimme" hält. Naheliegende, vernünftige Gedanken verwirft er,
weil sie "fleischlich" sind, und folgt statt dessen hanebüchenen
Hirngespinsten.
·
Als Christ
bekommt man oft den Eindruck: "Egal, wie ich's mache, ich mache es
falsch." Kümmert man sich aktiv um seine Angelegenheiten, dann heißt es:
"Du greifst eigenmächtig dem Wirken Gottes vor! Sei lieber ruhig und
überlass es Ihm!" Wartet man aber ab, dann heißt es: "Du darfst die
Hände nicht in den Schoß legen und alles Gott überlassen. Du musst auch selbst
etwas dazu tun." Diese widersprüchlichen Aufforderungen können einen
geradezu in den Wahnsinn treiben.
·
Indem Gott alles
Gute und dem Menschen alles Schlechte zugeschrieben wird, schafft man ein
künstliches Abhängigkeitsverhältnis: Der Gläubige meint, dass er total auf Gott
angewiesen sei und in jeder Hinsicht Schiffbruch erleiden würde, wenn er Gott den
Rücken kehrte. Das ist offensichtlich Unfug, denn es leben ja Millionen
Atheisten auf der Welt, die Gott längst den Rücken gekehrt haben und ihr Leben
trotzdem recht gut auf die Reihe kriegen.
·
Angeblich sollte
das Leben besser gelingen, wenn man immer auf Gott hört und keine
eigenmächtigen Entscheidungen trifft. Erfahrungsgemäß kommt man aber gar nicht
darum herum, selber Entscheidungen zu treffen. Denn will man "auf Gott
hören", so muss man immer wieder selbst entscheiden, ob die Gedanken, die
man gerade im Kopf hat von Gott sind oder nicht. Und das ist sehr schwer zu
entscheiden! Ob man also "auf Gott hört" oder nicht - man muss so
oder so schwierige Entscheidungen treffen. So oder so wird man sich ab und zu
irren und Fehlschläge erleiden, aber auch Erfolge haben. Auf Gott hören schafft
also gar nicht mehr Sicherheit und Klarheit und auch nicht besseres Gelingen,
sondern macht den Entscheidungsprozess nur etwas verworrener.