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Gottes Werk oder Menschenwerk?

Eine der Schwierigkeiten beim Umgang mit Gott ist, dass man oft nicht genau weiß, wofür er im Einzelnen zuständig ist und wofür nicht. Einerseits gilt Gott als unumschränkter Herrscher des Universums, dem alles Untertan ist. Den Fürbitten und Zeugnissen der Gläubigen nach zu urteilen, ist er praktisch für alles zuständig - von den Abläufen der Natur über die große Weltpolitik bis hin zu der Frage, ob ich meine Fahrprüfung bestehe. Angeblich beeinflusst Gott auch maßgeblich das Verhalten von Menschen, nicht nur der Menschen, die ihm treu ergeben sind, sondern auch das seiner Feinde. Andererseits wird dem Menschen jedoch ein freier Wille zugesprochen und die Fähigkeit, vieles auch gegen Gottes Willen zu tun. Und dann ist da noch der Satan mit seinen Dämonen, der angeblich auch große Macht hat und vieles in der Welt nach seinem Gutdünken beeinflusst. Wie die Zuständigkeiten von Gott, Menschen und Satan nun genau abgegrenzt ist, darüber sind sich Christen oft uneins - was der eine für ein Werk Gottes hält, darin meint der andere ein Werk Satans zu erkennen, und wo der eine sagt, man müsse als Mensch selbst aktiv werden, meint der andere, man solle lieber abwarten und die Sache Gott überlassen.

Im Voraus lässt sich oft gar nicht feststellen, ob eine Sache von Gott, von Menschen oder vom Satan stammt. Wenn dann aber alles gelaufen ist und die Resultate da sind, dann ist die Zuordnung klar: Alles, was gut und segensreich gelaufen ist, gilt als Gottes Werk. Der Rest, der daneben gegangen ist oder Schaden angerichtet hat, gilt als Menschenwerk oder als Werk Satans. Dadurch wird der gläubige Mensch immer wieder sehr verunsichert: Er mag Jahre lang in seiner Gemeinde Dienste tun und überzeugt sein, dass er am Werk Gottes mitwirkt. Sollte sich dann aber rückblickend einmal herausstellen, dass seine Arbeit sinnlos oder schädlich war, dann heißt es auf einmal: "Dies war nicht Gottes Werk, sondern Menschenwerk." Durch diese Zuordnung ist Gott immer fein raus: Er bleibt stets der Weise, Treue, dem alles gelingt. Selbst wenn Menschen etwas Gutes zustandegebracht haben, wird dieses Werk Gott zugeschrieben; man sagt dann: "Gott war es, der durch diese Menschen Gutes gewirkt hat." (auch wenn diese Menschen gar nicht an Gott glauben und ihm gar nicht ergeben sind.) Wenn aber irgend etwas daneben geht oder Schaden verursacht, wird die Schuld daran stets dem Menschen zugeschrieben. Sogar wenn es sich um Naturkatastrophen handelt, für die kein Mensch etwas kann, wird die Erbsünde des Menschen als Erklärung herangezogen; man sagt dann: "Im Paradies gab es keine Naturkatastrophen. Adam und Eva sind aus dem Paradies vertrieben worden, weil sie gesündigt hatten; darum sind wir jetzt solchen Katastrophen ausgesetzt." Aber Gott ist gnädig und vergibt uns unsere Schuld.

Mir erscheint diese Einteilung in "Gottes Werk" und "Menschenwerk" mittlerweile ziemlich willkürlich und irreführend. Sie wirkt sich in mancherlei Hinsicht schädlich aus:

·        Wenn Christen vor einer Entscheidung stehen, sind sie oft verunsichert, weil sie zusätzlich zu den normalen Unwägbarkeiten klären müssen, ob ihre Entscheidung auch dem Willen Gottes entspricht. Da Gott sich zu solchen Fragen selten unmissverständlich äußert, gleicht diese Klärung oft einem Rätselraten.

·        Auch wenn man gewissenhaft nach dem Willen Gottes fragt, trifft man manchmal Fehlentscheidungen. Da man niemals Gott für solche Fehlentscheidungen verantwortlich machen kann, sucht man den Fehler immer wieder bei sich selbst - man hat Gott wohl missverstanden oder nicht genau genug auf ihn gehört. Da so etwas immer wieder passiert, wird man zunehmend verunsichert.

·        Weil der "natürliche Mensch" im Christentum als fehlbar, sündhaft und verdorben gilt, traut mancher Christ sich kaum noch, selbständig vernünftige Entscheidungen zu treffen. Er versucht vielmehr, "auf Gott zu hören". Da Gott aber selten deutlich spricht, öffnet dieser Mensch sich für allerlei irrationale, willkürliche Einflüsse von außen und innen, die er für "Gottes Stimme" hält. Naheliegende, vernünftige Gedanken verwirft er, weil sie "fleischlich" sind, und folgt statt dessen hanebüchenen Hirngespinsten.

·        Als Christ bekommt man oft den Eindruck: "Egal, wie ich's mache, ich mache es falsch." Kümmert man sich aktiv um seine Angelegenheiten, dann heißt es: "Du greifst eigenmächtig dem Wirken Gottes vor! Sei lieber ruhig und überlass es Ihm!" Wartet man aber ab, dann heißt es: "Du darfst die Hände nicht in den Schoß legen und alles Gott überlassen. Du musst auch selbst etwas dazu tun." Diese widersprüchlichen Aufforderungen können einen geradezu in den Wahnsinn treiben.

·        Indem Gott alles Gute und dem Menschen alles Schlechte zugeschrieben wird, schafft man ein künstliches Abhängigkeitsverhältnis: Der Gläubige meint, dass er total auf Gott angewiesen sei und in jeder Hinsicht Schiffbruch erleiden würde, wenn er Gott den Rücken kehrte. Das ist offensichtlich Unfug, denn es leben ja Millionen Atheisten auf der Welt, die Gott längst den Rücken gekehrt haben und ihr Leben trotzdem recht gut auf die Reihe kriegen.

·        Angeblich sollte das Leben besser gelingen, wenn man immer auf Gott hört und keine eigenmächtigen Entscheidungen trifft. Erfahrungsgemäß kommt man aber gar nicht darum herum, selber Entscheidungen zu treffen. Denn will man "auf Gott hören", so muss man immer wieder selbst entscheiden, ob die Gedanken, die man gerade im Kopf hat von Gott sind oder nicht. Und das ist sehr schwer zu entscheiden! Ob man also "auf Gott hört" oder nicht - man muss so oder so schwierige Entscheidungen treffen. So oder so wird man sich ab und zu irren und Fehlschläge erleiden, aber auch Erfolge haben. Auf Gott hören schafft also gar nicht mehr Sicherheit und Klarheit und auch nicht besseres Gelingen, sondern macht den Entscheidungsprozess nur etwas verworrener.

 

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