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Viren im Kopf

Übersetzung eines Artikels von Richard Dawkins
Originaltitel: Viruses of the Mind (erschienen 1993)
Quelle: http://www.simonyi.ox.ac.uk/dawkins/WorldOfDawkins-archive/Dawkins/Work/Articles/1993-summervirusesofmind.shtml

 

"Der Hafen, den alle Meme zwangsläufig ansteuern ist der menschliche Geist, aber dieser Geist ist seinerseits ein Kunstprodukt, das entsteht, indem Meme ein menschliches Gehirn umstrukturieren, so dass es ein besserer Lebensraum für Meme wird. Die Ein- und Ausgabekanäle werden örtlichen Gegebenheiten angepasst und durch allerlei künstliche Mittel verstärkt, welche den Umfang und die Zuverlässigkeit der Kopiervorgänge erhöhen. Der Geist eines gebürtigen Chinesen unterscheidet sich erheblich von dem eines gebürtigen Franzosen, und der Geist eines Lesekundigen unterscheidet sich von dem eines Analphabeten. Als Gegenleistung bringen Meme dem Organismus, in dem sie wohnen eine unschätzbare Fülle von Vorteilen - mit einigen Trojanischen Pferden obendrein…"

Daniel Dennett, Consciousness Explained

1. Futter für Kopiermaschinen

Ein hübsches Mädchen in meinem Bekanntenkreis - sechs Jahre alt und der ganze Stolz ihres Vaters - glaubt, dass es Thomas, die Lokomotive wirklich gibt. Sie glaubt an den Weihnachtsmann, und wenn sie groß ist, will sie Zahnfee werden. Sie und ihre Schulkameradinnen glauben es, wenn erwachsene Respektspersonen ihnen feierlich erklären, dass es Zahnfeen und den Weihnachtsmann wirklich gibt. Dieses kleine Mädchen ist in einem Alter, wo es alles glaubt, was man ihr sagt. Erzählt man ihr von Hexen, die Prinzen in Frösche verwandeln, dann glaubt sie es. Erzählt man ihr, dass böse Kinder ewig in der Hölle schmoren, bekommt sie Alpträume. Gerade habe ich erfahren, dass dieses süße, vertrauensvolle, leichtgläubige Mädchen ohne Zustimmung ihres Vaters wöchentlich Unterricht bei einer römisch-katholischen Nonne bekommt. Welche Chance bleibt ihr da?

Menschenkinder sind von der Evolution her darauf angelegt, die Kultur ihres Volkes in sich aufzusaugen. Offensichtlich lernen sie die Grundlagen ihrer Muttersprache in wenigen Monaten. Ein großer Wortschatz zum Sprechen, eine Enzyklopädie an Informationen, über die man sprechen kann, komplizierte Syntax und Semantik, um das Sprechen zu ordnen - all das wird von älteren Gehirnen in ihre Gehirne übertragen, lange bevor sie erwachsen sind. Wenn man dermaßen vorprogrammiert ist, nützliche Informationen in hohem Tempo aufzunehmen, ist es schwer, sich gleichzeitig vor schädlicher Information zu schützen. Wenn so viele Gedankenbytes heruntergeladen werden müssen, so viel Mentalcode kopiert werden muss, ist es kein Wunder, dass Kinderhirne leichtgläubig sind, offen für fast jede Suggestion, anfällig für subversive Einflüsse, leichte Beute für Munies, Scientologen und Nonnen. Wie Immunschwäche-Patienten sind Kinder sehr anfällig für mentale Infektionen, mit denen Erwachsene ohne weiteres fertig werden.

Auch DNA enthält parasitären Code. Biologische Zellen besitzen einen hervorragenden Kopiermechanismus für DNA. Sie sind scheinbar begierig darauf, DNA zu kopieren, und DNA ist begierig darauf, kopiert zu werden. Der Zellkern ist geradezu ein Paradies für DNA - eine pulsierende, hoch entwickelte, schnelle und genaue Kopiermaschine.

Die Zellmaschinerie ist dermaßen DNA-freundlich, dass es nicht verwundert, wenn Zellen auch DNA-Parasiten beherbergen - Viren, Viroide, Plasmide und anderes mitreisendes Gesindel. Parasitäre DNA fügt sich sogar nahtlos in Chromosomen ein. "Überspringende Gene" und Abschnitte "egoistischer DNA" schneiden oder kopieren sich selbst aus Chromosomen heraus und fügen sich anderswo ein. Tödliche Onkogene lassen sich kaum von rechtmäßigen Genen unterscheiden, zwischen denen sie eingefügt sind. In evolutionsmäßigen Zeiträumen vollzieht sich vermutlich eine kontinuierliche Wandlung von "regulären" zu "bösen" Genen und umgekehrt (Dawkins, 1982). DNA ist gleich DNA. Das einzige, was Viren-DNA von Wirts-DNA unterscheidet, ist ihre bevorzugte Fortpflanzungsmethode: "Rechtmäßige" Wirts-DNA versucht sich auf orthodoxem Wege über Sperma und Ei fortzupflanzen. "Böse" oder parasitäre DNA wählt eine schnellere, weniger kooperative Fortpflanzungsmethode, z.B. über Tröpfcheninfektion oder Blutübertragung; nicht über Sperma und Ei.

Für Daten auf einer Diskette stellt ein Computer ein pulsierendes Paradies dar, ebenso wie ein Zellkern pulsiert vor lauter Bereitschaft, DNA zu kopieren. Computer mit ihren angeschlossenen Disketten- und Bandgeräten sind auf hohe Verlässlichkeit und Wiedergabetreue ausgelegt. Anders als DNA-Moleküle "wollen" magnetisch gespeicherte Bytes nicht wirklich kopiert werden. Jedoch kann man Computerprogramme schreiben, die sich selbst kopieren; die sich nicht nur auf einem Computer vervielfältigen, sondern sich auch auf andere Computer ausbreiten. Computer können so gut Bytes kopieren und führen so treu die Befehle aus, die darin enthalten sind, dass sie geradezu ein gefundenes Fressen für selbstreplizierende Programme sind. Ihre Türen stehen weit offen für zerstörerische Werke von Softwareparasiten. Jeder Zyniker, der mit der Theorie der "Egoistischen Gene" und Meme vertraut ist, hätte darauf kommen können, dass moderne PCs mit ihrem freizügigen Austausch von Disketten und E-Mails geradezu Ärger herausfordern. Das einzig Überraschende an der gegenwärtigen Computervirenplage ist, dass sie erst so spät aufgetreten ist.

 

2. Computerviren - ein Beispiel für Informations-Epidemien

Computerviren sind Codeschnipsel, die sich in vorhandene, legitime Programme einpflanzen und deren Funktion untergraben. Sie werden über Austausch von Disketten oder über Netzwerke transportiert. Sie unterscheiden sich technisch von den "Würmern" - das sind ganze, selbständige Programme, die sich vorwiegend über Netzwerke ausbreiten. Eine dritte Kategorie von Schadprogrammen, die sich von den erstgenannten stark unterscheidet, sind die "Trojanische Pferde". Sie kopieren sich nicht selbst, sondern motivieren Menschen durch pornografischen oder anderweitig attraktiven Inhalt dazu, sie zu kopieren. Sowohl Viren als auch Würmer sind Programme, die wirklich in Computersprache sagen: "Kopiere mich!" Daneben tun sie eventuell noch andere Dinge, um ihre Anwesenheit zu offenbaren und ihren Urhebern eventuell diebische Freude zu bereiten. Diese Nebeneffekte können humorvoll sein (wie bei dem Virus, der über den eingebauten Lautsprecher von Macintosh-Rechnern die Worte "Keine Panik" sprach, was natürlich den genau entgegengesetzten Effekt hatte); bösartig (wie bei den vielen IBM-Viren, die die Festplatte löschen und dies vorher durch hämische Bildschirmmeldungen ankündigen); politisch (wie bei den Spanish Telecom und Beijing-Viren, die gegen hohe Telefongebühren bzw. massakrierte Studenten protestierten); oder auch nur versehentlich (wenn der Programmierer die Systemkommandos der untersten Ebene nicht beherrscht, um einen wirksamen Virus oder Wurm zu schreiben). Der berühmte Internet-Wurm, der am 2. November 1988 einen Großteil der Computersysteme in den USA lahm legte, war nicht (sehr) böse gemeint, sondern nur außer Kontrolle geraten und hat innerhalb von 24 Stunden die Speicher von ungefähr 6000 Computern verstopft, indem er sich selbst exponentiell reproduzierte.

"Meme verbreiten sich heute mit Lichtgeschwindigkeit um die Welt und vermehren sich mit einer Geschwindigkeit, die Fruchtfliegen und Hefekulturen vergleichsweise alt aussehen lässt. Sie springen freizügig von einem Transportmittel zum anderen, von einem Medium zum anderen, und es erweist sich als unmöglich, sie einzusperren" (Dennett 1990, S.131).

Viren sind nicht auf elektronische Medien wie Disketten und Datenleitungen beschränkt. Auf ihrem Weg von Computer zu Computer können Viren auch durch Druckertinte, Lichtstrahlen in einer menschlichen Augenlinse, optische Nervenimpulse und Fingerbewegungen gehen. Ein Magazin für Computerfreunde, das den Quellcode eines Virus für interessierte Leser abdruckte wurde allseits scharf kritisiert, denn in der Tat  ist das Viruskonzept für manch unreifen Jungen so ansprechend (wir sprechen hier bewusst vom männlichen Geschlecht), dass bereits die Veröffentlichung jeglicher Bauanleitung für Viren zu Recht als unverantwortlicher Akt gilt.

Ich werde hier bestimmt keinen Virencode veröffentlichen. Aber es gibt einige Tricks für effektives Virendesign, die allgemein bekannt und so offensichtlich sind, dass ich sie zur Fortführung meines Themas gefahrlos erwähnen kann. Sie alle hängen damit zusammen, dass das Virus sich tarnen muss, während es sich verbreitet.

Ein Virus, das sich allzu rücksichtslos vermehrt wird schnell entdeckt, weil der Computer bald deutliche Anzeichen von Überlastung zeigt. Darum prüfen viele Viren, bevor sie ein System infizieren, ob es dort noch kein Exemplar von ihnen gibt. Dies eröffnet nebenbei eine Möglichkeit zur Virenbekämpfung, die einer Impfung gleicht. Damals, als es noch keine speziellen Antivirenprogramme gab, habe ich eine frühe Virusattacke mit einer primitiven Form von "Impfung" beantwortet: Anstatt das entdeckte Virus zu löschen, habe ich nur seine Befehlskette deaktiviert, aber die "Hülle" mit ihrer charakteristischen "Signatur" behalten. So hätten theoretisch später ankommende Exemplare derselben Virusart diese Signatur erkennen und von einer Doppelinfektion absehen müssen. Ich weiß nicht, ob diese Immunisierung wirklich funktioniert hat, aber damals war es wohl sinnvoll, einen Virus auf diese Art "auszuweiden" und die Hülle übrig zu lassen, anstatt ihn ganz und gar zu entfernen. Heutzutage überlässt man diese Aufgabe besser einem professionellen Antivirenprogramm.

Ein Virus, das allzu bösartig ist wird schnell entdeckt und im Keim erstickt. Wenn es sofort jeden Computer zerstört, in dem es sich befindet, kann es nicht in viele Computer gelangen. Es mag sich auf einem Computer sehr lustig auswirken - eine ganze Doktorarbeit vernichten oder ähnliche Scherze - aber es wird keine Epidemie daraus.

Darum sind einige Viren so gestaltet, dass ihr Effekt gering und schwer zu entdecken ist, aber dennoch großen Schaden anrichtet. So gibt es z.B. einen Typ, der nicht ganze Sektoren auf der Festplatte löscht, sondern nur Kalkulationstabellen angreift und dort in den Zeilen und Spalten willkürlich ein paar Zahlen ändert. Andere Viren tarnen sich, indem sie z.B. nur jede sechzehnte infizierte Festplatte löschen. Wiederum andere Viren arbeiten nach dem Zeitbombenprinzip. Da fast alle Computer das aktuelle Datum kennen, sind diese Viren darauf programmiert, sich weltweit zu einem bestimmten Datum zu offenbaren, z.B. am Freitag, dem 13. oder zum 1. April. Vom parasitären Standpunkt aus spielt es keine Rolle, wie katastrophal die eventuelle Attacke ist, Hauptsache, das Virus hat vorher genügend Gelegenheit, sich zu verbreiten (Eine beunruhigende Analogie dazu ist die Alterungstheorie von Medawar/Williams: Wir erliegen Tod bringenden und Tod fördernden Genen, die erst dann reifen, wenn wir reichlich Zeit zur Fortpflanzung hatten (Williams, 1957)). Um sich vor solchen Attacken zu schützen, lassen manche Firmen sogar extra einen Computer laufen, dessen innere Uhr um eine Woche vorgestellt ist, damit eventuelle Zeitbomben-Viren sich dort vorzeitig vor ihrem großen Tag offenbaren.

Auch hier ist es nur logisch, dass die Computerviren-Epidemie zu einem Rüstungswettlauf geführt hat. Antivirensoftware ist ein großes Geschäft. Diese Gegenmittel - Interferon, Vaccine, Gatekeeper und andere - nutzen verschiedene Strategien: Einige sind im Hinblick auf konkrete, bekannte Viren entwickelt; andere unterbinden jeden unerlaubten Zugriff auf kritische Systembereiche und warnen den Anwender.

Das Virusprinzip könnte theoretisch auch für harmlose oder gar nützliche Zwecke verwendet werden. Thimbleby (1991) hat den Begriff "Liveware" geprägt für seine bereits funktionsfähige Anwendung des Infektionsprinzips zur Aktualisierung mehrerer Exemplare einer Datenbank. Immer wenn eine Diskette mit der Datenbank in einen Computer gesteckt wird, prüft dieser, ob schon ein Exemplar der Datenbank auf der lokalen Festplatte ist. Wenn ja, werden beide Exemplare miteinander abgeglichen. So spielt es mit etwas Glück keine Rolle, welcher Kollege z.B. einen neuen Quellenhinweis auf seiner persönlichen Diskette hinzufügt. Seine neu eingegebene Information wird bereitwillig die Disketten seiner Kollegen infizieren (weil auch die freizügig ihre Disketten in anderer Leute Computer stecken) und wird sich wie eine Epidemie im Kollegenkreis verbreiten. Thimblebys Liveware ist nicht in jeder Hinsicht virenartig: Sie kann nicht auf jeden beliebigen Computer überspringen und auch keinen Schaden anrichten. Sie verbreitet ihre Daten nur in bereits bestehende Exemplare der eigenen Datenbank, und man wird nicht von Liveware infiziert, solange man der Infektion nicht ausdrücklich zustimmt.

Übrigens weist Thimbleby, der sich intensiv mit der Virenproblematik auseinandersetzt auch darauf hin, dass man sich teilweise schützen kann, indem man ein Computersystem benutzt, das andere Leute nicht benutzen. Die übliche Begründung dafür, das zahlenmäßig überlegene Computersystem zu kaufen ist schlicht und einfach, dass es zahlenmäßig überlegen ist. Fast jeder, der Ahnung hat, gibt zu, dass das in der Minderzahl befindliche Konkurrenzprodukt in puncto Qualität und Benutzerfreundlichkeit überlegen ist. Trotzdem glaubt man, dass Allgegenwart ein Vorteil an sich sei, der schwerer wiege als bloße Qualität. "Kauf denselben (minderwertigen) Computer wie deine Kollegen", so wird argumentiert, "dann kannst du Software mit ihnen teilen und hast eine größere Auswahl verfügbarer Software." Dummerweise ist gerade dies angesichts der Virenplage nicht mehr unbedingt von Vorteil. Man muss nicht nur sehr misstrauisch sein, wenn man eine Diskette von Kollegen annimmt. Man muss sich auch bewusst sein, dass man als Angehöriger einer großen Nutzergemeinschaft gleichzeitig auch einer großen Virengemeinschaft angehört. Letztere ist, wie sich herausstellt, sogar überproportional größer.

Um noch einmal auf die positiven Einsatzmöglichkeiten von Viren zurückzukommen: Es gibt Überlegungen, "den Wilddieb zum Wildhüter zu machen", bzw. "einen Verbrecher zur Verbrecherjagd einzusetzen". Eine einfache Möglichkeit wäre, eines der gängigen Antivirenprogramme als "Gefechtskopf" in einen harmlosen, sich selbst kopierenden Virus einzubauen. Vom Standpunkt des "Gesundheitswesens" her wäre dies besonders vorteilhaft, weil genau die Computer, die besonders anfällig für zerstörerische Viren sind - die, auf denen besonders viele Raubkopien ausgetauscht werden - am ehesten vom heilenden Anti-Virus heimgesucht würden. Eine mächtigere Form von Antivirus könnte vielleicht sogar - ähnlich wie das Immunsystem - "lernen" und seine Widerstandskraft gegen alle möglichen Viren, die ihm begegnen allmählich weiterentwickeln.

Ich könnte mir auch noch andere Anwendungen des Virusprinzips vorstellen, die zwar nicht direkt gemeinnützig, aber doch nützlich genug sind, um nicht als purer Vandalismus verurteilt zu werden. Eine Computerfirma möchte vielleicht im Rahmen der Marktforschung die Nutzungsgewohnheiten ihrer Kunden ermitteln, um das Design künftiger Produkte zu verbessern. Wählen die Nutzer Dateien über grafische Symbole aus, oder lassen sie sich lieber nur den Dateinamen anzeigen? Wie tief verschachteln die Leute Ordner (Verzeichnisse) ineinander? Arbeiten sie über einen langen Zeitraum hinweg mit einem Programm, z.B. einer Textverarbeitung, oder wechseln sie oft hin und her, z.B. zwischen Schreib- und Zeichenprogrammen? Führen die Leute den Mauszeiger geradewegs zum Ziel, oder kreisen sie diesen Punkt in zeitraubenden Bewegungen allmählich ein, was sich durch besseres Design vermeiden ließe?

Die Firma könnte natürlich einen Fragebogen versenden, um all diese Fragen zu klären, aber die Gruppe, die den Fragebogen tatsächlich ausfüllt und zurückschickt wäre nicht repräsentativ, und eventuell schätzen die Anwender ihr eigenes Verhalten auch nicht immer richtig ein. Eine bessere Lösung wäre eine Marktforschungssoftware. Man würde die Anwender bitten, ein spezielles Programm zu installieren; dieses würde unauffällig im Hintergrund die Tastaturanschläge und Mausbewegungen registrieren. Am Jahresende würde man die Kunden dann bitten, die Datei mit den registrierten Marktforschungsdaten zurückzusenden. Aber auch dazu wären viele Leute nicht bereit; manche würden dies als unzumutbaren Eingriff in ihre Privatsphäre und ihren Speicherplatz ansehen.

Die perfekte Lösung wäre - aus Unternehmenssicht - ein Virus. Wie jedes Virus wäre es selbstkopierend und unauffällig. Es wäre aber nicht zerstörerisch oder humorvoll wie ein gewöhnliches Virus. Seine Replikationseinheit wäre mit einem Marktforschungsmodul verbunden. Dieses Virus würde heimlich ins Computernetzwerk eingeschleust. Wie jedes Virus würde es sich über herumgereichte Disketten und E-Mails verbreiten. Während es sich von Computer zu Computer verbreitet, würde es Statistiken über das Nutzerverhalten aufstellen, das es heimlich in einer Reihe von Systemen beobachtet. Ab und zu würde ein Exemplar dieses Viruses zufällig durch normale, epidemische Verbreitung den Weg zurück in einen Computer des Unternehmens finden. Dort könnten seine Daten dann ausgewertet und mit den Daten anderer Rückläufer zusammengefasst werden.

In Zukunft wäre es durchaus einmal möglich, dass sowohl gute als auch böse Viren so häufig vorkommen, dass man von einer Lebensgemeinschaft von Viren und legitimen Programmen sprechen kann, die in der Silikosphäre koexistieren. Gegenwärtig wird Software angepriesen als "kompatibel mit System 7". Künftig werden Produkte vielleicht angepriesen als "kompatibel mit allen Viren, die 1998 in der Weltweiten Viruszählung erfasst wurden; immun gegen alle bekannten bösartigen Viren; nutzt die Möglichkeiten folgender gutartiger Viren voll aus, sofern vorhanden…" Textverarbeitungssoftware könnte z.B. bestimmte Aufgaben wie Wörter zählen oder Stringsuche an gutartige Viren übertragen, die selbständig den Text durchstöbern.

In fernerer Zukunft könnten vielleicht integrierte Softwaresysteme heranwachsen, nicht durch Design, sondern durch einen Prozess, der dem Heranwachsen einer Lebensgemeinschaft wie dem tropischen Regenwald ähnelt. Banden von untereinander kompatiblen Viren könnten entstehen, ebenso wie man Genome als Banden kompatibler Gene betrachten kann (Dawkins, 1982). In der Tat habe ich sogar behauptet, dass unser Genom gewissermaßen eine gigantische Kolonie von Viren darstellt (Dawkins, 1976). Gene kooperieren miteinander in Genomen, weil natürliche Selektion diejenigen Gene bevorzugt hat, die in Gegenwart anderer häufiger Gene gedeihen. Verschiedene Genpools entwickeln sich möglicherweise zu unterschiedlichen Kombinationen kompatibler Gene. Ich glaube, Computerviren werden eines Tages auf die gleiche Weise Kompatibilität untereinander entwickeln und Gemeinschaften oder Banden bilden. Allerdings, vielleicht auch nicht! Auf jeden Fall erscheint mir diese Spekulation eher Besorgnis erregend als spannend.

Zur Zeit entwickeln sich Computerviren noch nicht von selbst. Sie werden von menschlichen Programmierern erfunden, und wenn man hier überhaupt von "Entwicklung" sprechen kann, dann nur in dem weiteren Sinne, wie sich der Autobau oder die Flugzeugtechnik entwickelt: Designer entwickeln das Auto dieses Jahres, indem sie das Auto des letzten Jahres geringfügig verändern. Über einige Jahre hinweg ist lässt sich dann eventuell ein mehr oder weniger kontinuierlicher Trend erkennen - z.B. zu immer flacheren Kühlergrillen oder was auch immer. Computerviren-Designer denken sich immer raffiniertere Tricks aus, um die Antivirensoftware zu überlisten. Aber Computerviren wandeln und entwickeln sich - bis jetzt - noch nicht durch echte natürliche Auslese. Vielleicht werden sie das in Zukunft eines Tages können. Aber egal ob sie sich nun durch natürliche Auslese entwickeln, oder ob ihre Evolution von menschlichen Designern gesteuert wird - dies spielt keine große Rolle für ihre potenzielle Leistungskraft. Auf beiden Wegen können wir damit rechnen, dass sich ihre Tarnfähigkeiten verbessern und dass sie immer besser mit anderen häufigen Viren kompatibel werden.

DNA-Viren und Computerviren verbreiten sich aus demselben Anlass: Es existiert eine Umgebung mit einer Maschinerie, die gut geeignet ist, um Viren zu vervielfältigen und zu verbreiten und die Instruktionen auszuführen, die sie verkörpern. Eine solche Umgebung bietet im einen Fall die Welt der lebenden Zellen und im anderen Fall das Computernetzwerk mit seinen Datenverarbeitungsanlagen. Gibt es noch weitere, ähnliche Umgebungen wie diese; noch mehr pulsierende Replikationsparadiese?

 

3. Der infizierte Geist

Ich erwähnte bereits die angeborene Leichtgläubigkeit von Kindern, die so nützlich ist zum Lernen von Sprachen und überliefertem Wissen, und die so leicht von Nonnen, Munies und ähnlichen Leuten missbraucht werden kann. Ganz allgemein tauschen wir ja alle Informationen miteinander aus. Wir schieben uns zwar nicht direkt gegenseitig Disketten in den Schädel, aber wir übermitteln uns Sätze, sowohl durch die Augen als auch durch die Ohren. Wir sehen, wie andere sich bewegen und kleiden, und das beeinflusst uns. Wir hören Werbemelodien und werden davon vermutlich verführt; sonst würden hartgesottene Geschäftsleute ja nicht pausenlos für teures Geld den Äther damit verpesten.

Erinnern wir uns an die beiden Eigenschaften, die ein Virus oder irgendein vermehrungsfähiger Parasit von einem freundlichen Medium erwartet; die beiden Eigenschaften, welche die Zelle für parasitäre DNA und den Computer für Computerviren anfällig machen: Erstens die Bereitschaft, Informationen originalgetreu weiterzugeben, eventuell mit ein paar Fehlern, die daraufhin auch originalgetreu weitergegeben werden. Zweitens die Bereitschaft, Anweisungen zu befolgen, die in den weitergegebenen Informationen enthalten sind.

Lebende Zellen und Elektronenrechner erfüllen beide Bedingungen hervorragend. Und wie ist es mit menschlichen Gehirnen? Was die originalgetreue Weitergabe betrifft, sind sie sicherlich nicht so perfekt wie Zellen oder Computer. Sie sind aber dennoch einigermaßen tauglich, in etwa so verlässlich wie ein RNA-Virus, aber nicht so gut wie die DNA mit ihren ausgefeilten Korrekturmechanismen gegen Defekte. Ein Beweis für die Wiedergabetreue von Gehirnen, besonders von Kinderhirnen ist die Sprache selbst. Shaws Professor Higgins konnte nach Gehör erkennen, in welcher Straße ein Londoner aufgewachsen war. Natürlich beweisen solche erfundenen Geschichten gar nichts, aber jeder weiß, dass Higgins' angebliche Fähigkeiten ja nur eine Übertreibung dessen darstellen, was wir alle können. Jeder Amerikaner kann Leute aus dem tiefen Süden von Leuten aus dem mittleren Westen und Neuengländer von Hillbillys unterscheiden. Jeder New Yorker kann Bronx von Brooklyn unterscheiden. Und derartige Möglichkeiten ließen sich in allen Ländern nachweisen. Das beweist, dass das menschliche Gehirn durchaus in der Lage ist, sehr genau zu kopieren (sonst wäre etwa der Newcastler Akzent nicht stabil genug, um wiedererkannt zu werden), allerdings mit einigen Fehlern (ansonsten würde sich die Aussprache niemals weiterentwickeln, und alle, die eine Sprache sprechen hätten denselben Akzent wie ihre entferntesten Vorfahren). Sprache entwickelt sich, weil sie über große Stabilität einerseits und ein bisschen Veränderlichkeit andererseits verfügt. Dies sind die Voraussetzungen für ein evolvierendes System.

Die zweite Anforderung an eine virusfreundliche Umgebung - die Bereitschaft, Anweisungen zu befolgen - ist in Gehirnen auch nur graduell geringer als in Zellen oder Computern. Wir gehorchen manchmal den Befehlen anderer, aber manchmal auch nicht. Dennoch ist es eine aufschlussreiche Tatsache, dass die meisten Kinder der Religion ihrer Eltern folgen und nicht irgendeiner anderen verfügbaren Religion. Die Befehle zum Niederknien, sich Richtung Mekka zu verneigen, einer Wand gegenüber rhythmisch mit dem Kopf zu nicken, wie ein Verrückter zu zittern, in "Zungen" zu sprechen - allein die Liste dieser willkürlichen und nutzlosen Bewegungsmuster, welche die Religionen bieten, ist endlos - all das wird befolgt; zwar nicht sklavisch, aber doch mit recht hoher statistischer Wahrscheinlichkeit.

Modewellen sind ein weiteres, weniger bedeutungsschweres, aber sehr eindrückliches Beispiel für Verhaltensweisen, die sich nicht rational, sondern eher epidemiologisch erklären lassen. Auch sie treten besonders deutlich bei Kindern hervor: Jojos, Hula-Hoops und Springstöcke erobern im Sturm die Schule, dringen aber nur manchmal von einer Schule zur anderen durch. Sie unterscheiden sich damit in nichts Wesentlichem von einer Masernepidemie. Vor zehn Jahren noch hätte man tausend Meilen durch die USA fahren können, ohne jemandem zu begegnen, der seine Basecap verkehrt herum auf dem Kopf trägt. Heute sieht man verkehrt herum aufgesetzte Basecaps überall. Ich weiß nicht genau, von wo nach wo sich diese Mode verbreitet hat, aber sicherlich ließe sich dies mit epidemiologischen Methoden am besten feststellen. Wir brauchen hier gar keinen Streit über "Determinismus" anfangen; wir müssen gar nicht davon ausgehen, dass Kinder zwangsläufig die Hutmode ihrer Freunde imitieren. Es genügt, lediglich festzustellen, dass ihre Kleiderwahl durch die Kleiderwahl ihrer Freunde statistisch beeinflusst wird.

So banal Modewellen auch sind - sie beweisen uns wiederum, dass der menschliche Geist, besonders der jugendliche Geist die Eigenschaften besitzt, die für Informationsparasiten günstig sind. Es wäre also möglich, dass der menschliche Geist von etwas ähnlichem wie Computerviren infiziert wird, obwohl er vielleicht nicht so eine ideale Umgebung darstellt wie ein Zellkern oder ein Elektronenrechner.

Es ist faszinierend, sich vorzustellen, wie es sich wohl anfühlt, wenn der eigene Geist von einem "Virus" befallen wird. Es könnte ein absichtlich entworfener Parasit sein, ähnlich wie die heutigen Computerviren; es könnte aber auch ein versehentlich mutierter, unbewusst entwickelter Schädling sein. In jedem Fall, und besonders dann, wenn sich so ein "Virus im Kopf" aus einer langen Reihe erfolgreicher Vorfahren entwickelt hat, können wir davon ausgehen, dass er seinen Job - sich selbst zu vervielfältigen - ziemlich gut macht.

Die fortschreitende Entwicklung immer effektiverer Gedanken-Parasiten hat zwei Aspekte: Neue Varianten, die sich (zufällig oder durch menschliches Design) besser verbreiten lassen, werden zahlreicher. Und Ideen, die sich gegenseitig begünstigen, werden sich zusammenrotten, ebenso wie es Gene tun, und wie es Computerviren vielleicht eines Tages auch können. Solche reproduktiven Elemente pflanzen sich vermutlich gemeinsam als zusammengehörige Gruppe von einem Gehirn ins nächste fort. Am Ende formieren sich solche Gruppen dann zu kompletten Paketen, die so stabil sind, dass sie einen eigenen Namen verdienen, z.B. "Römisch-katholisch" oder "Voodoo". Es spielt keine Rolle, ob wir das ganze Paket als ein Virus auffassen, oder ob wir jede einzelne Komponente als Virus betrachten. Die Analogie stimmt ohnehin nicht genau, weil es hier keinen Sinn ergibt, zwischen Viren und Würmern zu unterscheiden. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass das Gehirn eine anfällige Umgebung für parasitäre, verbreitungswillige Ideen und Informationen ist, und dass die meisten Gehirne massiv infiziert sind.

Ebenso wie Computerviren sind auch Gedanken-Viren meist schwer zu entdecken. Wenn man selbst infiziert ist, wird man es in den meisten Fällen gar nicht wissen und sogar vehement abstreiten. Da ein Virus so schwer aufzuspüren ist, nach welchen Anzeichen könnte man denn Ausschau halten? Ich formuliere meine Antwort mal so, wie ein medizinisches Handbuch die typischen Symptome eines Erkrankten beschreiben würde (ich verwende hier nur willkürlich die männliche Form).

1. Der Patient fühlt sich typischerweise getrieben von einer tiefen inneren Überzeugung, dass etwas wahr oder richtig oder tugendhaft ist: eine Überzeugung, die anscheinend auf keinerlei Beweisen oder Überlegungen beruht, die er aber dennoch als völlig zwingend und überzeugend empfindet. Wir Ärzte bezeichnen eine solche Überzeugung als "Glauben".

2. Patienten machen typischerweise eine Tugend daraus, einen starken, unerschütterlichen Glauben zu haben, obwohl er nicht auf Beweisen beruht. Oft meinen sie sogar, je weniger Beweise es gebe, desto vorbildlicher sei der Glaube (siehe unten).

Die paradoxe Vorstellung, dass das Fehlen von Beweisen im Glauben eine Tugend sei, gleicht in mancher Hinsicht einem Programm, das sich selbst am Laufen hält, indem es sich selbst aufruft (siehe Kapitel "On Viral Sentences and Self-Replicating Structures'' bei Hofstadter, 1985). Denn wenn diese Behauptung erst einmal geglaubt wird, untergräbt sie automatisch jeden Widerstand gegen sich. Die Vorstellung, dass fehlende Beweise eine Tugend seien ist ein wunderbarer Freund und Helfer, der sich mit dem eigentlichen Glauben zu einer Virenbande verbündet, die sich gegenseitig unterstützt.

3. Ein verwandtes Symptom, das am Glaubenskranken eventuell auch auftritt, ist die Überzeugung, dass "Geheimnisse" etwas Gutes seien: Es sei nicht gut, Geheimnisse zu lüften. Man solle sie vielmehr genießen, gar in ihrer Unlösbarkeit schwelgen.

Jeder Versuch, ein Geheimnis zu lüften wäre gefährlich für die Verbreitung des Virus im Kopf. So ist die Vorstellung, dass man Geheimnisse besser nicht lüftet vermutlich auch ein Mitglied der Virenbande, die sich gegenseitig unterstützt. Nehmen wir zum Beispiel das "Geheimnis der Wandlung". Es wäre leicht und gar nicht geheimnisvoll, zu glauben, dass sich eucharistischer Wein in einem symbolischen oder metaphorischen Sinn in Christi Blut verwandelt. Aber die römisch-katholische Lehre von der Wandlung geht darüber hinaus: Die "ganze Substanz" des Weines wandele sich in das Blut Christi; das verbleibende Erscheinungsbild von Wein sei "nebensächlich", "keiner Substanz zueigen" (Kenny, 1986, S.72). Umgangssprachlich sagt man im Allgemeinen, dass der Wein sich "buchstäblich" in Christi Blut verwandelt. Aber egal ob man die Wandlung in ihrer obskuren aristotelischen Form oder in der eingängigen, umgangssprachlichen Form präsentiert - die Behauptung lässt sich nur aufstellen, wenn man den üblichen Sinn der Worte "Substanz" und "buchstäblich" gewaltig verdreht! Worte neu zu definieren ist keine Sünde, aber wenn man Worte wie "ganze Substanz" und "buchstäblich" in diesem Sinn verwendet, wie drückt man es dann aus, wenn etwas tatsächlich ganz in echt passiert ist? Wie Anthony Kenny schon als junger Seminarist irritiert bemerkte: "Nach allem, was ich weiß, könnte auch meine Schreibmaschine eine Wandlung von Benjamin Disraeli sein…"

Katholiken, die aufgrund der Unfehlbarkeit ihrer Lehre glauben müssen, dass Wein sich allem Augenschein zum Trotz körperlich in Blut verwandelt, sprechen vom "Geheimnis der Wandlung". Und sehen Sie, indem man es als "Geheimnis" bezeichnet, ist die Welt auf einmal wieder in Ordnung. Das funktioniert zumindest bei einem Verstand, der durch Hintergrundinfektion darauf vorbereitet ist. Genau derselbe Trick wird auch beim "Geheimnis der Dreieinigkeit" angewandt. Geheimnisse sollen nicht gelüftet werden; sie sollen vielmehr Ehrfurcht auslösen. Die Annahme, dass Geheimnisse eine Tugend seien, hilft dem Katholiken, der es sonst unerträglich fände, an offensichtlichen Unfug wie die Wandlung oder das "Drei-in-eins" zu glauben. Auch diese Annahme "Geheimnisse sind Tugenden" besitzt eine Endlosschleife. Hofstadter würde es so ausdrücken: Gerade die geheimnisvolle Natur des Glaubens lässt den Gläubigen das Geheimnis wahren.

Ein extremes Anzeichen von "Geheimnis ist Tugend"-Infektion stellt Tertullians Ausspruch dar: "Certum est quia impossibile est" ("Es ist gewiss, weil es unmöglich ist"). Darin liegt der Wahnsinn! Da möchte man am liebsten Lewis Carrols Weiße Königin zitieren, die auf Alices Einwand "Man kann nicht an Unmögliches glauben" antwortet: "Ich würde sagen, du hast nicht viel Übung… Als ich in deinem Alter war, habe ich es jeden Tag eine halbe Stunde gemacht. Und stell dir vor, manchmal habe ich schon sechs unmögliche Dinge vorm Frühstück geglaubt." Oder Douglas Adams' Elektrischen Mönch, ein arbeitssparendes Gerät, das stellvertretend für Menschen glaubt und sogar "Dinge glauben konnte, mit denen man in Salt Lake City Schwierigkeiten hätte". Als dieses Gerät dem Leser vorgestellt wird, glaubt es gerade, allem Augenschein zum Trotz, dass die gesamte Welt einheitlich rosa sei. Aber Weiße Königinnen und Elektrische Mönche sind nicht mehr so lustig, wenn man feststellt, dass diese virtuosen Gläubigen sich überhaupt nicht von realen, anerkannten Theologen unterscheiden: "Es muss um jeden Preis geglaubt werden, weil es absurd ist" (wieder Tertullian). Sir Thomas Browne (1635) zitiert dies und geht noch weiter: "Für einen aktiven Glauben kann es gar nicht genug Unmöglichkeiten in der Religion geben... Ich will meinen Glauben an den schwierigsten Dingen üben, denn auf gewöhnliche, sichtbare Dinge zu vertrauen ist kein Glaube, sondern Überzeugung."

Mir scheint, dass sich hier viel mehr abspielt als blanker Wahnsinn oder surrealistischer Unsinn. Da schwingt so etwas wie Bewunderung mit, wie wenn man einem Jongleur mit zehn Bällen auf einem Hochseil zusieht. Anscheinend gewinnt der Gläubige an Prestige, wenn es ihm gelingt, noch unmöglichere Dinge zu glauben als seine Mitstreiter. Probieren und trainieren diese Leute ihre Glaubensmuskeln, indem sie an Unmögliches glauben, damit sie dann die lediglich unwahrscheinlichen Dinge, die normalerweise zu glauben sind, locker wegstecken?

Während ich dies schrieb, stand im Guardian (29. Juli 1991) gerade ein schönes Beispiel. Es war ein Interview mit einem Rabbi, der die bizarre Aufgabe hatte, Nahrungsprodukte bis zu den Ursprüngen ihrer kleinsten Zutaten zu untersuchen, ob sie koscher sind. Er überlegte gerade, ob er bis nach China reisen müsste, um das Menthol zu untersuchen, das in Hustenbonbons vorkommt. "Haben Sie jemals versucht, chinesisches Menthol zu prüfen? Es war sehr schwierig. Auf unseren ersten Brief bekamen wir in bestem chinesischen Englisch die Antwort: 'Das Produkt enthält keinen Koscher'… China öffnet sich erst seit kurzem für Koscherprüfer. Das Menthol müsste eigentlich in Ordnung sein, aber man weiß es nie genau, wenn man sich nicht vor Ort überzeugt." Diese Koscherprüfer betreiben eine Telefonhotline, die top-aktuelle Warnungen vor Schokoriegeln und Lebertran registriert. Der Rabbi klagt darüber, dass der ökologisch motivierte Trend zu natürlichen Farb- und Geschmacksstoffen "das Leben im Koscherbereich schwer macht, weil man all diese Dinge zurückverfolgen muss." Als der Reporter ihn fragt, warum er denn diese offensichtlich zwecklose Mühe auf sich nimmt, stellt er sehr deutlich klar, dass der Witz an der Sache gerade in ihrer Witzlosigkeit liegt:

Dass die meisten Kaschrut-Gesetze göttliche Befehle ohne Begründung sind, gerade das ist hundertprozentig der entscheidende Punkt. Denn es ist sehr leicht, keinen Menschen zu ermorden. Sehr leicht. Es ist ein wenig schwieriger, nicht zu stehlen, weil man ab und zu in Versuchung gerät. Solche Dinge sind kein Beweis, dass ich an Gott glaube und seinen Willen tue. Wenn er mir aber befiehlt, dass ich mittags zu meiner gefüllten Pastete keinen Kaffee mit Milch trinken darf, ist das eine Probe aufs Exempel. Der einzige Grund, warum ich das tue, ist, dass es mir befohlen ist. Es ist eine schwierige Übung.

Helena Cronin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass hier vielleicht eine Analogie besteht zu Zahavis Handicap-Theorie der sexuellen Selektion und der Evolution von Erkennungszeichen (Zahavi, 1975). Diese Theorie, die lange Zeit unpopulär war und sogar lächerlich gemacht wurde (Dawkins, 1976) ist vor kurzem geschickt rehabilitiert worden (Grafen, 1990 a, b) und wird nun von Evolutionsbiologen ernst genommen (Dawkins, 1989). Zahavi behauptet, dass z.B. Pfauen ihre abartig großen Schwanzfedern mit ihren (für Fressfeinde) lächerlich verräterischen Farben genau deshalb entwickeln, weil sie schwer und gefährlich und darum für Weibchen beeindruckend sind. Der Pfau signalisiert damit: "Schaut her, wie fit und stark ich bin, dass ich mir einen so bizarren Schwanz leisten kann!"

Um Missverständnisse zu vermeiden, was Zahavis subjektive Sprechweise betrifft, sollte ich erwähnen, dass es unter Biologen üblich ist, die unbewussten Akte natürlicher Selektion so zu personifizieren. Grafen hat diese These in ein regulär darwinistisches, mathematisches Modell übersetzt, und es funktioniert. Dies sagt nichts über das Bewusstsein oder bewusste Absichten von Pfauen aus. Sie können so bewusst oder unbewusst sein wie man will (Dennett, 1983, 1984). Im Übrigen ist Zahavis Theorie so allgemein gehalten, dass sie gar keinen darwinistischen Unterbau benötigt. Eine Blume, die ihren Nektar einer "skeptischen" Biene anbietet könnte von diesem Prinzip genauso profitieren wie ein menschlicher Geschäftsmann, der einen Kunden beeindrucken möchte.

Die Grundlage von Zahavis Idee ist, dass die natürliche Selektion Skepsis bei Weibchen begünstigt (oder auch allgemein bei Empfängern von Werbebotschaften). Der einzige Weg für ein Männchen (oder einen Werbenden), seine große Stärke (Qualität, oder was auch immer) unter Beweis zu stellen, ist, ein wirklich kostspieliges Handicap auf sich zu nehmen - etwas, was nur ein wirklich starkes (hochwertiges usw.) Männchen tragen kann. Man könnte es das "Prinzip der kostspieligen Authentifizierung" nennen. Und nun zurück zu unserem Punkt: Möglicherweise werden manche religiösen Lehrsätze nicht trotz ihrer Lächerlichkeit bevorzugt, sondern gerade weil sie lächerlich sind! Jeder Schwächling im Glauben könnte annehmen, dass das Brot den Leib Christi symbolisiert, aber um an so einen Unfug wie die Wandlung zu glauben, muss man schon ein echter Vollblut-Katholik sein. Wenn man das glaubt, kann man wirklich alles glauben, und - man erinnere sich an die Geschichte vom Ungläubigen Thomas - diese Leute pflegen das als Tugend anzusehen.

Wir kehren nun zurück zu unserer Liste von Symptomen, die man eventuell zeigt, wenn man von einem Glaubensvirus und seinem Begleitschutz befallen wird.

4. Der Kranke verhält sich möglicherweise intolerant gegenüber Vertretern anderer Glaubensrichtungen; in extremen Fällen tötet er sie sogar oder wünscht ihnen den Tod. Genauso gewalttätig kann er gegenüber Abtrünnigen sein (die einst dem Glauben angehörten und ihm dann abgeschworen haben), oder gegenüber Ketzern (die sich einem abweichenden, oft nur geringfügig anderen Glauben verschrieben haben). Er empfindet eventuell auch Feindschaft gegenüber Zeitströmungen, die seinem Glauben gefährlich werden könnten, z.B. gegen die Methode wissenschaftlicher Vernunft, die wie ein Stück Antivirensoftware wirken kann.

Die Morddrohungen gegen den angesehenen Schriftsteller Salman Rushdie sind nur das jüngste einer langen Reihe trauriger Beispiele. Gerade heute, als ich dies schrieb wurde der japanische Übersetzer der Satanischen Verse ermordet aufgefunden, eine Woche nach einer beinahe tödlichen Attacke auf den italienischen Übersetzer desselben Buches. Übrigens ist das "Verständnis" für die "gekränkten" Moslems, welches der Erzbischof von Canterbury und andere christliche Leiter geäußert haben (und das beim Vatikan geradezu an kriminelles Komplizentum grenzt) natürlich eine Manifestation des vorhin erwähnten Symptoms: Der Irrglaube, das jeglicher Glaube um seiner selbst willen respektiert werden müsse, egal wie widerlich seine Folgen sind.

Mord ist natürlich ein Extremfall. Aber es gibt ein noch extremeres Symptom, nämlich den Selbstmord im militanten Einsatz für den Glauben. So wie ein Ameisensoldat darauf programmiert ist, sein Leben für Keimbahnkopien der Gene zu opfern, die ihn programmiert haben, so wird auch ein junger Araber oder Japaner (?) belehrt, dass im Heiligen Krieg zu fallen der schnellste Weg in den Himmel sei. Ob die Machthaber, die ihn ausnutzen daran wirklich glauben oder nicht, ändert nichts an der brutalen Kraft, die der "Selbstmordkommandovirus" um des Glaubens willen entfaltet. Jedoch ist Selbstmord, ebenso wie Mord, taktisch nicht immer von Vorteil. Bekehrungswillige könnten dadurch auch abgeschreckt werden; sie könnten Verachtung und Misstrauen entwickeln gegenüber einem Glauben, der solche Maßnahmen nötig hat.

Und natürlich könnten die Gläubigen auch aussterben, wenn zu viele von ihnen sich selbst opfern. Dies trifft besonders auf einen berüchtigten Fall von Selbstmord zu, bei dem es gar nicht um Kamikaze-Tod in der Schlacht ging: Die "Volkstempler"-Sekte starb aus, als ihr Führer Jim Jones die Schar seiner Anhänger aus den USA ins verheißene Land "Jonestown", in den Dschungel von Guyana führte und dort 900 von ihnen, Kinder zuerst, Zyanid trinken ließ. Diese makabre Affäre wurde von einem Team des San Francisco Chronicle vollständig untersucht (Kilduff und Javers, 1978).

Jones, genannt "der Vater" hat seine Herde zusammengerufen und gesagt, dass es Zeit sei, in den Himmel aufzufahren. "Wir sehen uns wieder", versprach er, "an einem anderen Ort."
Seine Worte tönten aus den Lautsprechern des Camps: "Es liegt eine große Würde im Sterben. Es ist eine große Demonstration für jedermann, zu sterben."

Übrigens entgeht dem geübten Auge des aufmerksamen Soziobiologen nicht, dass Jones in früheren Tagen lehrte, er als einziger in seiner Sekte dürfe Sex haben (und seine Partner vermutlich auch). "Eine Sekretärin arrangierte Jones' Liebschaften. Sie rief an und sagte: 'Es tut dem Vater leid, aber er hat ein so großes Verlangen; würden Sie bitte…'" Seine Opfer waren nicht immer weiblich. Ein 17-jähriger Anhänger aus der Zeit, als Jones' Gemeinde noch in San Francisco war, erzählt, wie Jones ihn manchmal zu versauten Wochenenden in ein Hotel mitnahm, wo er als "Reverend Jim Jones und Sohn" sogar einen Rabatt für Geistliche bekam. Dieser Junge sagt: "Ich habe ihn wirklich verehrt. Er war mehr als ein Vater. Ich hätte sogar meine Eltern für ihn umgebracht." Das Bemerkenswerte an Jim Jones ist nicht sein eigensüchtiges Verhalten, sondern die fast übermenschliche Verehrung seiner Anhänger. Kann man angesichts so ungeheurer Leichtgläubigkeit noch daran zweifeln, dass der menschliche Geist anfällig ist für bösartige Infektionen?

Zugegeben, Jones erreichte nur ein paar Tausend Menschen. Aber er ist nur ein Extrem, die Spitze eines Eisbergs. Derselbe Eifer, ausgelöst durch religiöse Leiter, ist weit verbreitet. Die meisten von uns hätten doch gewettet, dass niemand mit einer so simplen Masche durchkäme, einfach im Fernsehen aufzutreten und wortreich zu sagen: "Gebt mir euer Geld, damit ich damit andere Trottel überzeugen kann, mir auch ihr Geld zu geben!" Heutzutage jedoch gibt es in jedem Ballungszentrum der Vereinigten Staaten mindestens einen Teleevangelistensender, der sich ganz dieser durchsichtigen Betrugsmasche widmet. Und sie scheffeln säckeweise Geld damit. Angesichts so atemberaubender Dummheit möchte man diesen Führungspersönlichkeiten in ihren schillernden Anzügen fast ein wenig Anerkennung zollen. Aber nicht alle Trottel sind reich; allzu oft genießen diese Evangelisten ihr Leben auf Kosten armer Witwen. Einer vertrat sogar ausdrücklich eine Lehre, in der ich Zahavis Prinzip der kostspieligen Authentifizierung wiedererkenne: In Gottes Augen sei ein Opfer nur dann wertvoll, verkündete er mit leidenschaftlichem Ernst, wenn es so groß ist, dass es schmerzt. Und dann wurden arme, alte Leute vorgeführt, die bezeugten, wie glücklich sie sich fühlten, seit sie ihr ganzes Hab und Gut dem Prediger so-und-so vermacht hatten.

5. Der Patient stellt eventuell fest, dass seine persönlichen, nicht auf Beweisen beruhenden Überzeugungen sich wie eine Epidemie verbreiten. Warum, fragt er sich, halte ich gerade an diesem und nicht an jenem Weltbild fest? Habe ich etwa alle Glaubenssysteme der Welt geprüft und mir das überzeugendste ausgewählt? Höchstwahrscheinlich nicht. Wenn jemand einen Glauben hat, ist es mit statistisch überaus großer Wahrscheinlichkeit derselbe Glaube, den auch die Eltern und Großeltern schon hatten. Natürlich können auch stolze Kathedralen, rührende Musik, bewegende Geschichten und Gleichnisse ein wenig mithelfen. Aber der wichtigste Faktor, der die eigene Religion bestimmt ist der Zufall der Geburt. Die Überzeugungen, die man so leidenschaftlich vertritt wären ganz andere, weitgehend entgegengesetzte, wenn man zufällig in einem anderen Land geboren worden wäre. Epidemiologie statt Beweise.

6. Falls der Patient zu den seltenen Ausnahmen zählt, die eine andere Religion haben als ihre Eltern, so kann dies dennoch auf Epidemiologie beruhen. Es könnte sein, dass er sich tatsächlich einen nüchternen Überblick über die Glaubenssysteme der Welt verschafft und dann das überzeugendste ausgewählt hat. Aber mit größerer statistischer Wahrscheinlichkeit war er lediglich einem besonders stark ansteckenden Agenten ausgesetzt - einem John Wesley, Jim Jones oder Paulus. Hier findet eine horizontale Übertragung statt, wie bei Masern. Zuvor verlief die Epidemie über vertikale Übertragung, wie bei Chorea Huntington.

7. Die inneren Empfindungen des Patienten erinnern mitunter verblüffend an Gefühle, die üblicherweise zur sexuellen Lust gehören. Sie ist eine äußerst starke Kraft im Gehirn, darum ist es kein Wunder, dass manche Viren sie ausnutzen. Von der berühmten orgastischen Vision der Heiligen Theresa von Avila brauchen wir hier gar nicht reden; sie ist ohnehin bekannt. Ein ernsthafteres Beispiel, das sich auf einer weniger kruden, sinnlichen Ebene abspielt gibt uns der Philosoph Anthony Kenny, als er sein schieres Entzücken beschreibt, das diejenigen erwartet, die es schaffen, an das Geheimnis der Wandlung zu glauben. Nachdem er seine Ordination als römisch-katholischer Priester beschrieben hat, wo er durch Handauflegung ermächtigt wurde, die Messe zu zelebrieren, erinnert er sich lebhaft an

"das Hochgefühl der ersten Monate, als ich die Messe lesen durfte. War ich sonst ein notorischer Langschläfer gewesen, so sprang ich jetzt früh aus dem Bett, hellwach und voller Begeisterung angesichts des ehrenvollen Aktes, den ich ausführen durfte. Ich las nur selten öffentliche Messen; meistens feierte ich sie allein an einem Seitenaltar mit einem jüngeren Studenten, der als Messdiener und Gemeinde fungierte. Das tat der Würdigkeit des Opfers und der Gültigkeit der Wandlung keinen Abbruch.

Es war das Berühren des Leibes Christi, die Nähe des Priesters zu Jesus, die mich am meisten bezauberte. Ich betrachtete die Hostie, nachdem ich die Worte der Einsegnung gesprochen hatte, mit sanftem Blick, wie ein Liebhaber, der in die Augen seiner Liebsten blickt… Jene ersten Tage als Priester bleiben mir in Erinnerung als Tage der Erfüllung und höchsten Glücks; etwas Kostbares, das zu zerbrechlich ist, um anzudauern; wie eine romantische Liebe, die in einer unglücklichen Ehe mündet." (Kenny, 1986, S. 101 f.)

Man kann es Dr. Kenny allemal nachfühlen, dass er sich als junger Priester so fühlte, als sei er in die geweihte Hostie verliebt. Was für ein brillanter, erfolgreicher Virus! Auf derselben Seite zeigt uns Kenny übrigens auch, dass dieses Virus durch Ansteckung übertragen wird - wenn schon nicht wörtlich, so doch in gewissem Sinne - aus der Hand des infizierenden Bischofs durch die Schädeldecke des neuen Priesters:

"Wenn die katholische Lehre stimmt, so erhält jeder gültig geweihte Priester seine Ordination aus einer ununterbrochenen Reihe von Handauflegungen - vom Bischof, der ihn ordiniert, bis hin zu den zwölf Aposteln… Da muss es jahrhundertelange, dokumentierte Reihen von Handauflegungen geben. Es wundert mich, das Priester sich scheinbar nie die Mühe machen, die Reihe ihrer spirituellen Vorfahren zurückzuverfolgen; herauszufinden, wer ihren Bischof ordiniert hat, und wer den ordiniert hat, und so weiter, bis hin zu Julius II, Cölestin V, Hildebrand oder Gregor dem Großen vielleicht. (Kenny, 1986, S. 101)

Mich wundert das auch.

 

4. Ist Wissenschaft ein Virus?

Nein. Es sei denn, man würde alle Computerprogramme als Viren betrachten. Gute, nützliche Programme verbreiten sich, weil Menschen sie ausprobieren, weiterempfehlen und weitergeben. Computerviren verbreiten sich nur, weil sie die codierte Anwesung enthalten: "Verbreite mich!" Wissenschaftliche Ideen sind wie alle Meme einer natürlichen Selektion unterworfen, und dies mag oberflächlich wie bei einem Virus aussehen. Aber die Selektionskräfte, durch die wissenschaftliche Ideen geprüft werden sind nicht willkürlich und launisch. Es sind anspruchsvolle, ausgefeilte Regeln, die eitlen Eigennutz nicht honorieren. Sie bevorzugen vielmehr jene Qualitäten, die in Standardwerken zur Methodologie dargelegt sind: Prüfbarkeit, Belegbarkeit, Genauigkeit, Quantifizierbarkeit, Konsistenz, Intersubjektivität, Wiederholbarkeit, Universalität, Fortschrittlichkeit, Unabhängigkeit vom kulturellen Milieu und so weiter. Glaube verbreitet sich, obwohl er jede dieser Qualitäten völlig vermissen lässt.

Bei der Verbreitung wissenschaftlicher Ideen finden sich eventuell epidemiologische Momente, aber das ist lediglich beschreibende Epidemiologie. Die rasche Verbreitung einer guten Idee unter Wissenschaftlern mag sogar wie eine Masernepidemie aussehen. Aber wenn man die Gründe dafür sucht, wird man feststellen, dass es gute Gründe sind, die den anspruchsvollen Standards wissenschaftlicher Methode genügen. Bei der Verbreitung eines Glaubens findet man dagegen fast nichts außer Epidemiologie, und zwar ursächliche Epidemiologie. Der Grund, warum Person A an eine Sache glaubt und Person B an eine andere, ist einzig und allein, dass A auf einem Kontinent geboren ist und B auf einem anderen. An Prüfbarkeit, Belegbarkeit usw. wird nicht einmal im Entferntesten gedacht. Bei wissenschaftlichen Überzeugungen setzt Epidemiologie später ein; sie beschreibt die Geschichte der Verbreitung. Bei religiösen Überzeugungen jedoch ist Epidemiologie die primäre Ursache.

 

5. Epilog

Glücklicherweise behalten Viren nicht immer die Oberhand. Viele Kinder überstehen unbeschadet das Schlimmste, was Nonnen und Mullahs ihnen antun können. Anthony Kennys Geschichte hat ein glückliches Ende: Er legte sein Amt nieder, weil er die offensichtlichen Widersprüche innerhalb des katholischen Glaubens nicht länger ertragen konnte; heute ist er ein anerkannter Wissenschaftler. Aber man muss doch feststellen, dass es eine sehr starke Infektion gewesen sein muss, da ein so weiser und intelligenter Mann - immerhin Präsident der Britischen Akademie - sie erst nach drei Jahrzehnten abschütteln konnte. Ist es da etwa Schwarzmalerei, dass ich mir um meine kleine Sechsjährige Sorgen mache?

 

Danksagung

Herzlichen Dank an Helena Cronin für ihre detaillierten Vorschläge zum Inhalt und Stil jeder Seite.

 

Literaturnachweise

Browne, Sir T. (1635) Religio Medici, I, 9

Dawkins, R. (1976) The Selfish Gene. Oxford: Oxford University Press.

Dawkins, R. (1982) The Extended Phenotype. Oxford: W. H. Freeman.

Dawkins, R. (1989) The Selfish Gene, 2nd edn. Oxford: Oxford University Press.

Dennett, D. C. (1983) Intentional systems in cognitive ethology: the ``Panglossian paradigm'' defended. Behavioral and Brain Sciences, 6, 343--90.

Dennett, D. C. (1984) Elbow Room: The Varieties of Free Will Worth Wanting. Oxford: Oxford University Press.

Dennett, D. C. (1990) Memes and the exploitation of imagination. The Journal of Aesthetics and Art Criticism, 48, 127--35.

Grafen, A. (1990a) Sexual selection unhandicapped by the Fischer process. Journal of Theoretical Biology, 144, 473--516.

Grafen, A. (1990b) Biological signals as handicaps. Journal of Theoretical Biology, 144, 517--46.

Hofstadter, D. R. (1985) Metamagical Themas. Harmondsworth: Penguin.

Kenny, A. (1986) A Path from Rome Oxford: Oxford University Press.

Kilduff, M. and Javers, R. (1978) The Suicide Cult. New York: Bantam.

Thimbleby, H. (1991) Can viruses ever be useful? Computers and Security, 10, 111--14.

Williams, G. C. (1957) Pleiotropy, natural selection, and the evolution of senescence. Evolution, 11, 398--411.

Zahavi, A. (1975) Mate selection --- a selection for a handicap. Journal of Theoretical Biology, 53, 205--14.

 

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