Wind um Nichts - http://wind.penzeng.de
Nun steht sie wieder leer,
die hübsche Wohnung im Dachgeschoss. Bis vor kurzem wohnte dort unser Freund,
der Milliardär. Ganz plötzlich ist er ausgezogen; keiner weiß wohin – und er
schuldet mir sogar noch Geld! Vielleicht hätte ich misstrauischer sein sollen,
damals, als er mit dem großen Möbelauto ankam. Es war ein scheußlich kalter,
verregneter Tag; er steuerte den Dreieinhalbtonner selbst und hatte keinen
Helfer dabei. Da haben alle aus unserem Haus kräftig mit angepackt und seine
Sachen hochgeschleppt. Er hat sich dann ja auch sehr nett bei uns bedankt und
uns alle zu seiner Einweihungsparty eingeladen. Normalerweise hätte er ein
großes, professionelles Speditionsteam für den Umzug gehabt, sagte er, aber es
sei etwas dazwischengekommen, und da hätte er plötzlich ganz allein
dagestanden, wenn wir ihm nicht so prima geholfen hätten.
Er stamme aus einem alten
Adelsgeschlecht, sagte er, als wir oben in seiner Wohnung saßen und zusammen
tranken; seine Eltern wohnten in einer Villa am Meer. Und auch er sei bereits
ein echter Milliardär, sagte er. Das hat uns alle sehr gewundert, denn reiche
Leute ziehen normalerweise nicht hierher, nicht in diese Gegend. Ich meine, wir
wohnen hier nicht schlecht, aber besonders hübsch ist es auch nicht, und nobel
erst recht nicht – kein Baum, kein Strauch weit und breit; vorn die
Ausfallstraße und hinten die S-Bahn… Hier wohnen sonst nur Rentner und
Arbeitslose, und gegenüber eine Studenten-WG.
Ja, sagte unser Freund, der
Milliardär, natürlich könnte er sich eine bessere Wohnung in irgend einem
Nobelviertel leisten, aber in den besseren Gegenden sei ihm alles viel zu
versnobt, und darum sei er dort ausgezogen und habe beschlossen, künftig als
einfacher Mann unter einfachen Leuten zu leben. Da haben wir alle mit dem Kopf
geschüttelt. Keiner konnte sich vorstellen, warum ein Milliardär ausgerechnet
in unser altes Haus einzieht, in so eine triste Gegend! Und wir konnten uns
auch nicht vorstellen, wie es sein würde, mit so einem vornehmen Herrn unter
einem Dach zu wohnen. Ich habe ihn gefragt, ob wir „Hoheit“ oder „Durchlaucht“
zu ihm sagen sollen. Da hat er gelacht und meinte: „Nee, sag einfach ‚Walter’
zu mir!“
Dass er aus gutem Hause
stammte, hat man schon gemerkt – er war immer so höflich und konnte sich so gut
ausdrücken. Die dicke Gerda aus dem Erdgeschoss hat ihn dummerweise gleich
angebettelt. Das machte sie damals mit jedem; sie kam nie aus mit ihrem
Arbeitslosengeld II. Aber gegeben hat er ihr nichts; er hat sie ganz charmant
abgewimmelt und irgendwas von „ehrlicher Arbeit“ gesagt. Das fand ich gut. Die
Gerda sollte ruhig mal wieder ihren Arsch bewegen! Seit ihrer Scheidung saß sie
doch nur noch auf der Couch, guckte den ganzen Tag fern und ernährte sich von
Schokolade und Dosenbier! Dass aber ausgerechnet Walter von „ehrlicher Arbeit“
sprach, war schon ein bisschen komisch, denn er arbeitete ja nie, war den
ganzen Tag da und hatte alle Zeit der Welt. Da ist sie pampig geworden, die
dicke Gerda, hat den Milliardär beschimpft: „In meinem Alter krieg ich doch
keine Arbeit mehr“, meinte sie; er könnte ruhig mal ein paar Scheine
rüberwachsen lassen, anstatt große Sprüche zu klopfen; sollte er ihr doch
Arbeit geben! „Okay“, sagte er, „wenn du willst, kannst du zweimal die Woche
bei mir putzen kommen.“
Anfangs hatten wir ja auch Angst,
dass der Milliardär unser Haus aufkaufen würde, um eine Luxusvilla draus zu
machen und uns dann alle rauszuschmeißen. Denn hochfliegende Pläne hatte er ja
immer: Hinterm Haus wollte er einen Park anlegen mit einem künstlichen Bach und
einem Aussichtsturm! Ich sagte ihm, dass das nicht geht, weil das Gelände der
Bahn gehört. Aber er meinte: „Ich regele das. Verlass dich auf mich.“ Weil ich
als einziger einen Kombi mit Anhängerkupplung hatte, drückte er mir zehn Euro
in die Hand und bat mich, von der Baumschule Sträucher zu holen – für den Park.
Das habe ich dann auch gemacht. Die zehn Euro haben natürlich nicht gereicht;
ich hab den Rest derweil ausgelegt. Das ist übrigens ein Teil der Summe, die er
mir immer noch schuldet. Den alten Erwin von nebenan hat er Blumen und
Grassamen besorgen lassen, weil seine Tochter in der Gärtnerei arbeitet.
Aber aus dem Park wurde dann
nichts. Nachdem wir alles besorgt hatten, war Walter plötzlich weg. Tagelang
ließ er sich nicht blicken. Die Blumen und Sträucher welkten im Keller vor sich
hin. Ein paar davon haben Erwin, seine Frau und ich dann noch gerettet, indem
wir neben dem Waschhaus ein kleines Beet gepflanzt haben. Das war dann also
unser „Park“. Als Walter dann nach einer Woche wiederkam, wollte er vom Park
nichts mehr wissen, hatte längst ganz viele andere Pläne im Kopf.
Das war das Problem mit ihm:
Er war leider überhaupt nicht zuverlässig. Er sagte zwar immer: „Ich regele
das. Verlass dich auf mich.“ Das war sein Lieblingsspruch. Aber gemacht hat er
dann nichts.
Geizig war er nicht! Er fand
immer einen Grund zum Feiern, hat fast jede Woche eine Party geschmissen und
die ganze Hausgemeinschaft eingeladen. Es war immer lustig bei ihm in der
Dachwohnung. Wir haben gewaltig viel gegessen und getrunken, und er konnte
tolle Geschichten erzählen aus seinem Leben; von Königen, Baronen und Scheichs,
die er mal kennen gelernt hatte. Von seinen Milliarden haben wir allerdings nie
etwas zu sehen gekriegt. Er hat nicht herumgeschmissen mit seinem Geld. Er
meinte, nur weil er die meiste Kohle hat, würde er trotzdem nicht für alles
allein aufkommen; es wäre recht und billig, dass wir alle etwas beitragen. Das
haben wir dann auch immer so gemacht.
Eines Tages hörte ich Gerda
im Hausflur laut schreien und zetern; sie hatte einen Mordskrach mit dem
Milliardär: „Seit acht Wochen putze ich deine Wohnung, und du hast mir keinen
Cent bezahlt“, schrie sie. Er sagte: „Morgen kriegst du dein Geld! Ich
verspreche es dir! Verlass dich auf mich!“ – „Das sagst du schon die ganze
Zeit!“, rief Gerda, „‚Verlass dich auf mich, verlass dich auf mich’, aber jetzt
sag ich dir mal was: Ich verlass mich nicht mehr auf dich; ich hab jetzt
nämlich ’ne Stelle im Krankenhaus als Putzfrau, ich pfeif auf dein Geld, ich
kündige!“ Bum! Da war die Tür zu.
Der alte Erwin von nebenan
hat mir später erzählt, dass seine Frau dann die Putzstelle beim Milliardär
übernommen hat, als Gerda es nicht mehr machen wollte. „Und? Bezahlt er?“,
fragte ich. „Nee, glaub nicht“, meinte Erwin. „Der Milliardär bezahlt nichts. Er
sagt immer, er will sich lieber auf andere Art erkenntlich zeigen.“ – „Und
warum putzt deine Frau dann noch für ihn?“ – „Na ja“, meinte Erwin, „wer weiß,
wozu es gut ist? Es ist doch immer gut, wenn man mit wichtigen Leuten gut
Freund ist. So ein Milliardär als Freund kann immer mal sehr nützlich sein!“ Da
musste ich ihm Recht geben.
Gerda war nun leider gar
nicht mehr gut auf den Milliardär zu sprechen, aber die meisten im Haus mochten
ihn. Wir liebten seine Geschichten und seine verrückten Ideen. Seine Pläne
waren zwar immer total übertrieben, aber man konnte was draus machen, wenn man
sie auf ein normales Maß zurechtstutzte.
Misstrauisch geworden bin ich
erst, als unser Vermieter alle paar Tage bei ihm war. Danach kam
der Gerichtsvollzieher, und zuletzt die Polizei. „Hast du ’ne Ahnung, was da
oben los ist?“ fragte ich Gerda. „’Türlich weiß ich das“, sagte sie: „Der
Milliardär bezahlt keine Miete! Das ganze Jahr, seit er hier wohnt bezahlt er
nichts! Normalerweise fliegt man ja schon nach drei Monaten raus, aber mit
seinem Gequatsche macht er ja alle verrückt. Sogar den Vermieter hat er so
lange hingehalten. Das ist ’n ganz gerissener Hochstapler!“ – „Ach, Gerda, sag
doch nicht sowas!“ – „Wieso? Es stimmt doch!“ – „Ach nee, das glaube ich nicht.
Walter ist doch nett; er hat uns immer geholfen!“ – „Geholfen? Quatsch!
Ausgenutzt hat er uns! Keinen Cent hat er mir bezahlt die ganze Zeit!“ – „Ja,
ja, ich weiß… aber guck doch mal, wie schlank du geworden bist, seit du mit dem
Putzen angefangen hast! Jetzt siehst du gut aus, hast Arbeit, verdienst dein
eigenes Geld – das hast du doch alles ihm zu verdanken! Ohne ihn würdest du
doch immer noch auf deiner Couch sitzen und den ganzen Tag und Schokolade
fressen!“ – „Ach, jetzt redest du schon genauso verrückt wie er!“ – „Und außerdem
hat er doch immer die Partys gegeben. Überleg doch mal, wie viel wir jede Woche
bei ihm gegessen und getrunken haben!“ – „Ja“, sagte Gerda, „aber dazu hat er
doch nie was beigesteuert! Er hat doch alle überredet, dass sie Essen und Trinken
mitbringen! Und dann hat er sich auf unsere Kosten mit durchgefressen!“ – „Ach
nee, das glaub’ ich nicht.“ – „Na, dann glaub doch was du willst! Aber ich sag
dir: Das ’n Verbrecher! Und jetzt kommt er in den Knast, wo er hingehört, Gott
sei Dank!“ – „Ach, Gerda, sag doch nicht sowas Schlimmes!“ – „Ach, leck’ mich
doch…“
Tja, und nun ist sie leer,
die hübsche Wohnung im Dachgeschoss. Unser Milliardär ist weg. Ein bisschen
Recht muss ich Gerda schon geben: Manche Leute hat er wirklich ausgenutzt, und
das Geld, das ich für ihn ausgelegt habe sehe ich wohl auch nie wieder. Aber
ich glaube nicht, dass er im Knast ist. Er fährt jetzt bestimmt irgendwo herum
und sucht sich eine neue Wohnung. Ich vermisse seine Partys. Wir hatten nie so
viel Spaß im Haus wie mit ihm. Und unser kleiner „Park“ im Hof war ja auch
seine Idee. Ob er zum Essen wirklich nichts beigesteuert hat oder doch, weiß
ich nicht. Wir haben ja nicht Buch geführt darüber. Erwin meint, er hätte schon
ab und zu eine Flasche Wein spendiert, aber das meiste wäre von uns gekommen.
„Wenn das so ist, können wir die Partys nicht einfach ohne ihn weiterfeiern?“,
fragte ich. Erwin meinte, wir könnten es probieren. Aber es hat nicht gut
funktioniert: Ohne unseren Milliardär wussten wir uns nicht viel zu erzählen,
haben die meiste Zeit nur übereinander hergezogen und auf die Politiker
geschimpft. Am Ende waren wir sturzbetrunken und hatten den ganzen nächsten Tag
Kopfweh. Denn eins hat unser Milliardär zu seinen Partys doch beigesteuert, und
das fehlte uns jetzt, nämlich die vielen fantastischen Geschichten von Königen,
Baronen und Scheichs.