Wind um Nichts - http://wind.penzeng.de
Es war einmal ein
Mathelehrer, der hatte fast alles, was ein Mathelehrer sich wünschen kann,
jedoch war ihm allmählich die Freude am Leben abhanden gekommen. "Du bist ein
richtiger Trauerkloß geworden!", sagte seine Frau. "Unternimm doch
mal was Schönes, was dir Freude macht! Such dir 'n Hobby!" -
"Hm", sagte der Mathelehrer und ging in den Garten, um nachzudenken.
Da hörte er vom Stadion um die Ecke die Jubelschreie der heimischen
Fußballfans. Minuten später sah er Hunderte hupende Autos mit singenden,
grölenden Fans an seinem Haus vorbeifahren.
"Meine Frau hat
Recht", dachte er. "Es ist Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren.
Diese Fußballfans sind immer so fröhlich, wenn sie vom Spiel kommen. Manchmal
sind sie auch wütend, wenn ihre Mannschaft verloren hat, aber sie haben
wenigstens etwas, was ihnen wichtig ist, wo sie mitfiebern können. Das möchte
ich auch mal erleben."
So besuchte er am darauf
folgenden Samstag zum ersten Mal im Leben das Stadion. Er stellte sich ganz
oben auf einen der hintersten Plätze und beobachtete neunzig Minuten lang
völlig unbewegt das Spiel. Die Fans in den Rängen vor ihm tobten, schrieen,
hüpften und trompeteten, feuerten ihre Mannschaft mit Sprechgesängen an und
stöhnten am Ende laut auf, als der Anschlusstreffer misslang und das Spiel mit
einer Niederlage 0:1 endete.
"Das ist ja ein doofes
Spiel!", dachte der Mathelehrer. "Da treten sie anderthalb Stunden
lang einen Ball hin und her, meistens schießen sie daneben, nur ganz selten
trifft mal einer ins Tor. Ich verstehe nicht, wie die Leute sich darüber so
ereifern können. Das ist doch so künstlich, so primitiv!"
Aber der Mathelehrer gab
nicht auf. Er dachte sich: "Ich kann das Fußballspiel wohl noch nicht so
gut nachvollziehen, weil ich die Regeln nicht kenne." So ließ er sich von
einem Kollegen, einem Biolehrer die Fußballregeln erklären, lernte alles über
Anstoß, Strafraum, Eckball, Stürmer, Verteidiger, Tore und Tordifferenzen,
Elfmeter, auch die Abseitsregel ließ er sich ausführlich erklären, aber dennoch
ließ ihn das alles kalt. "Schön und gut", sagte er zum Biolehrer,
"ich begreife jetzt, dass Fußball ein anspruchsvolles Spiel ist. Es ist
nicht so primitiv wie ich dachte. Aber dennoch kommt mir das Ganze so
lächerlich vor, so künstlich! Wie können sich vernünftige, erwachsene Menschen
so darüber ereifern, ob da einer einen Ball ins Tor tritt oder nicht? Das ist
doch sinnlos, erfüllt keinen vernünftigen Zweck!"
"Oh, nein! Sinnlos ist
das nicht!", antwortete der Biolehrer. "Es ist doch ein schönes
Spiel. Und im Verein, da machen wir ja nicht nur Regionalliga. Da sitzen wir
auch abends mit Kumpels zusammen und trinken einen und reden über alles
Mögliche. Und wir trainieren ja auch die Jugend. Ist doch gut, wenn unsere
Jungs Fußball spielen; sonst würden sie in der Stadt rumhängen und Unfug
machen."
Das sah der Mathelehrer ein,
aber richtig begriffen hatte er es trotzdem nicht. Jeden Samstag besuchte er
nun das Stadion. Er wollte unbedingt dem Geheimnis des Fußballs auf die Spur
kommen. Er schaute sich auch Bundesligaspiele im Fernsehen an. Aber sein Herz
blieb bei alledem kalt. "Ich begreife es einfach nicht!", klagte er
seinem Kollegen. "Ich möchte so gern auch mitjubeln und mitfeiern und
mitleiden, aber wenn ich Fußball gucke, bedeutet es mir einfach nichts! Im
Endeffekt beruht das doch alles auf Zufall! Mal gewinnt die eine Mannschaft,
mal die andere. Sie könnten ihre Spielergebnisse genauso gut würfeln, es käme
das Gleiche dabei heraus!"
Da seufzte der Biolehrer und
sagte zum Mathelehrer: "Ach, Kerl, so wirst du Fußball nie begreifen! Du
stellst dich ja ins Stadion wie ein Beobachter, den das alles nichts angeht!
Wenn du wirklich begreifen willst, was da abgeht, dann musst du musst mitten unter
uns sein! Stell dich mitten zwischen die Fans! Weißt du, du musst Partei
ergreifen! Du musst dich entscheiden, für welche Mannschaft du bist! Du musst
dich mit deinem Club identifizieren; du musst unbedingt wollen, dass er
gewinnt! Dann freust du dich und jubelst über jeden Treffer, auch wenn es ein
Zufallstreffer ist."
"Ach so, du weißt also,
dass es Zufall ist?", staunte der Mathelehrer, "Und trotzdem
begeisterst du dich dafür?" - "Klar", sagte sein Kollege,
"das ist doch gerade das Spannende daran! Man weiß nie vorher, wie das
Spiel ausgeht: Wenn wir gegen 'ne stärkere Mannschaft spielen, kann es passieren,
dass wir verlieren, aber mit etwas Glück können wir auch gewinnen, obwohl wir
schwächer sind. Weißt du, so ein Überraschungssieg, das ist das Tollste überhaupt,
da feiern wir dann immer 'ne Riesenparty." - "Wissen die anderen Fans
das denn auch alle - dass es Glückssache ist?" - "Na ja, manche halt.
Die meisten machen sich keine Gedanken über sowas. Die kommen einfach, um das
Spiel zu sehen und feuern ihre Mannschaft an, und hinterher feiern sie
dann."
"Hm", sagte der
Mathelehrer, "dann kann ich ja auch mal mitkommen in euren Club." -
"Ja", sagte der Biolehrer. "Aber wenn du kommst, dann bleib
nicht am Rand stehen, sondern setz dich zu uns! Steig richtig mit ein, mach
richtig mit, dann erlebst du auch was!"
"Und wenn mir das dann
doch alles zu blöd ist?", fragte der Mathelehrer.
"Dann lässt du's
eben", antwortete der Biolehrer.
"Aber dann kann ich
nicht mit jubeln, hüpfen, schreien und trompeten!"
"Nein, das kannst du
dann nicht."
"Hm."
"Du musst dich halt
entscheiden, so oder so."