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Ein Mathelehrer beim Fußball

Es war einmal ein Mathelehrer, der hatte fast alles, was ein Mathelehrer sich wünschen kann, jedoch war ihm allmählich die Freude am Leben abhanden gekommen. "Du bist ein richtiger Trauerkloß geworden!", sagte seine Frau. "Unternimm doch mal was Schönes, was dir Freude macht! Such dir 'n Hobby!" - "Hm", sagte der Mathelehrer und ging in den Garten, um nachzudenken. Da hörte er vom Stadion um die Ecke die Jubelschreie der heimischen Fußballfans. Minuten später sah er Hunderte hupende Autos mit singenden, grölenden Fans an seinem Haus vorbeifahren.

"Meine Frau hat Recht", dachte er. "Es ist Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren. Diese Fußballfans sind immer so fröhlich, wenn sie vom Spiel kommen. Manchmal sind sie auch wütend, wenn ihre Mannschaft verloren hat, aber sie haben wenigstens etwas, was ihnen wichtig ist, wo sie mitfiebern können. Das möchte ich auch mal erleben."

So besuchte er am darauf folgenden Samstag zum ersten Mal im Leben das Stadion. Er stellte sich ganz oben auf einen der hintersten Plätze und beobachtete neunzig Minuten lang völlig unbewegt das Spiel. Die Fans in den Rängen vor ihm tobten, schrieen, hüpften und trompeteten, feuerten ihre Mannschaft mit Sprechgesängen an und stöhnten am Ende laut auf, als der Anschlusstreffer misslang und das Spiel mit einer Niederlage 0:1 endete.

"Das ist ja ein doofes Spiel!", dachte der Mathelehrer. "Da treten sie anderthalb Stunden lang einen Ball hin und her, meistens schießen sie daneben, nur ganz selten trifft mal einer ins Tor. Ich verstehe nicht, wie die Leute sich darüber so ereifern können. Das ist doch so künstlich, so primitiv!"

Aber der Mathelehrer gab nicht auf. Er dachte sich: "Ich kann das Fußballspiel wohl noch nicht so gut nachvollziehen, weil ich die Regeln nicht kenne." So ließ er sich von einem Kollegen, einem Biolehrer die Fußballregeln erklären, lernte alles über Anstoß, Strafraum, Eckball, Stürmer, Verteidiger, Tore und Tordifferenzen, Elfmeter, auch die Abseitsregel ließ er sich ausführlich erklären, aber dennoch ließ ihn das alles kalt. "Schön und gut", sagte er zum Biolehrer, "ich begreife jetzt, dass Fußball ein anspruchsvolles Spiel ist. Es ist nicht so primitiv wie ich dachte. Aber dennoch kommt mir das Ganze so lächerlich vor, so künstlich! Wie können sich vernünftige, erwachsene Menschen so darüber ereifern, ob da einer einen Ball ins Tor tritt oder nicht? Das ist doch sinnlos, erfüllt keinen vernünftigen Zweck!"

"Oh, nein! Sinnlos ist das nicht!", antwortete der Biolehrer. "Es ist doch ein schönes Spiel. Und im Verein, da machen wir ja nicht nur Regionalliga. Da sitzen wir auch abends mit Kumpels zusammen und trinken einen und reden über alles Mögliche. Und wir trainieren ja auch die Jugend. Ist doch gut, wenn unsere Jungs Fußball spielen; sonst würden sie in der Stadt rumhängen und Unfug machen."

Das sah der Mathelehrer ein, aber richtig begriffen hatte er es trotzdem nicht. Jeden Samstag besuchte er nun das Stadion. Er wollte unbedingt dem Geheimnis des Fußballs auf die Spur kommen. Er schaute sich auch Bundesligaspiele im Fernsehen an. Aber sein Herz blieb bei alledem kalt. "Ich begreife es einfach nicht!", klagte er seinem Kollegen. "Ich möchte so gern auch mitjubeln und mitfeiern und mitleiden, aber wenn ich Fußball gucke, bedeutet es mir einfach nichts! Im Endeffekt beruht das doch alles auf Zufall! Mal gewinnt die eine Mannschaft, mal die andere. Sie könnten ihre Spielergebnisse genauso gut würfeln, es käme das Gleiche dabei heraus!"

Da seufzte der Biolehrer und sagte zum Mathelehrer: "Ach, Kerl, so wirst du Fußball nie begreifen! Du stellst dich ja ins Stadion wie ein Beobachter, den das alles nichts angeht! Wenn du wirklich begreifen willst, was da abgeht, dann musst du musst mitten unter uns sein! Stell dich mitten zwischen die Fans! Weißt du, du musst Partei ergreifen! Du musst dich entscheiden, für welche Mannschaft du bist! Du musst dich mit deinem Club identifizieren; du musst unbedingt wollen, dass er gewinnt! Dann freust du dich und jubelst über jeden Treffer, auch wenn es ein Zufallstreffer ist."

"Ach so, du weißt also, dass es Zufall ist?", staunte der Mathelehrer, "Und trotzdem begeisterst du dich dafür?" - "Klar", sagte sein Kollege, "das ist doch gerade das Spannende daran! Man weiß nie vorher, wie das Spiel ausgeht: Wenn wir gegen 'ne stärkere Mannschaft spielen, kann es passieren, dass wir verlieren, aber mit etwas Glück können wir auch gewinnen, obwohl wir schwächer sind. Weißt du, so ein Überraschungssieg, das ist das Tollste überhaupt, da feiern wir dann immer 'ne Riesenparty." - "Wissen die anderen Fans das denn auch alle - dass es Glückssache ist?" - "Na ja, manche halt. Die meisten machen sich keine Gedanken über sowas. Die kommen einfach, um das Spiel zu sehen und feuern ihre Mannschaft an, und hinterher feiern sie dann."

"Hm", sagte der Mathelehrer, "dann kann ich ja auch mal mitkommen in euren Club." - "Ja", sagte der Biolehrer. "Aber wenn du kommst, dann bleib nicht am Rand stehen, sondern setz dich zu uns! Steig richtig mit ein, mach richtig mit, dann erlebst du auch was!"

"Und wenn mir das dann doch alles zu blöd ist?", fragte der Mathelehrer.

"Dann lässt du's eben", antwortete der Biolehrer.

"Aber dann kann ich nicht mit jubeln, hüpfen, schreien und trompeten!"

"Nein, das kannst du dann nicht."

"Hm."

"Du musst dich halt entscheiden, so oder so."

 

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